Wiederöffnung der Felsenbühne in Brachwitz am 3. September

Wer es noch nicht weiß, die Felsenbühne am Brachwitzer Saalekietz ist wiedereröffnet. Das muss man einfach gesehen haben. Eine phänomenale Freilichtbühne. Das Gelände eines kleinen Steinbruchs wird von einer hölzernen Palisade, die etwas an ein amerikanisches Fort erinnert, abgegrenzt, dies regte einen der Konzertbesucher zu der sinnfälligen Bemerkung an, „Es fehlt nur noch, das Gojko Mitic oben über die Klippe klettert.”. Ich dachte, er hat Recht, vielleicht mit der kleinen Einschränkung, dass dann der als Sesselloge in den Zaun eingelassene und in der Mitte zersägte Volvo älteren Baujahres nicht ganz ins Bild gepasst hätte.

Natürlich sind wir zusammen mit Freunden im handbetriebenen Boot angereist.

Bevor Engerling zum Einsatz kamen, wurde das Publikum auf das Beste von einer Bigband unterhalten. „Birdland”, „Satin Doll” oder die Filmmusik zu „Brazil” wurden in frischer und unverkrampfter Weise von den jungen Musikanten dargeboten. Um die ökonomische Kamikazenummer einer Bigband-Gründung wissend, fragte ich mich, wie dieses Kollektiv überhaupt zu betreiben sei – die Antwort ist recht einfach, es handelt sich um Schüler und Lehrer der Saalekreis Musikschule, die auf diese Weise ihre Spielpraxis erlangen. Anders wäre ein solcher Klangkörper ganz sicher nicht überlebensfähig. Man fragt sich ja überhaupt, für wen von den fünfzehn Euro Eintrittsgeld am Ende überhaupt noch etwas übrig bleibt.

Eine Einlage der anderen Art war dann Minni Marks, eine junge Frau aus Australien, die ihren von mir in einem anderem Artikel schon erwähnten Landsmann McMillan, der behauptet hatte, in Australien gäbe es musikalisch nur AC/DC und Led-Zeppelin-Cover-Bands, Lügen strafte. Sie spielte erfrischend und natürlich als Solistin in einem besonderen Kontrast zu dem Großklangkörper, der ihren Auftritt umrahmte. Als sie mit dem Publikum verhandelte, welcher Hendrix-Titel gespielt werden sollte, bot sich die Gelegenheit, „Little Wing” vorzuschlagen. Siehe, das Mädel machte ihre Sache nicht schlecht – zumal man ja bedenken sollte, dass die Kühe deren Quark sie mal hätte sein können, um im Schaufenster zu stehen, noch gar nicht geboren waren, als Jimi schon längst auf Wolke soundsoviel war. Einmal übrigens strafte die knuffige Kleine sich übrigens selbst Lügen. Sie behauptete mehrfach, dass ihr Deutsch nicht gut sei, tönte aber jedes mal, wenn sie ihr Bierglas erhob, lautstark „Prost!” – was will man noch, wenn sie die wichtigsten Vokabeln offenbar fehlerfrei beherrscht?! Aber so hatte sich Minni schon mal bekannt gemacht, wollte Sie doch am Sontag noch das Abschlußkonzert der Sommerkonzerte in der Templerkapelle bestreiten.

Nach einer weiteren Bigband-Runde kamen dann die Headliner des Abends, Engerling. Ich fand diesen Konzerttermin auch deswegen so gut gewählt, weil der 3. September der Todestag von Allan Wilson, dem Canned-Heat-Urgestein, ist und – alle wissen es – einer der bekanntesten Engerling-Titel ja ein Grabgesang gerade auf ihn ist. Aber bevor „Mama Wilson” im Encore kam, gab es gute alte Engerling-Kost. Die gewohnte Mischung aus eigenen Titeln und Standards wie „Little Red Rooster”, „Riders On The Storm in der Doors Version” und, ebenfalls im Encore, eine Homage an Renft’s „Apfeltraum”. Das war schön und hatte nichts mit Ostalgie zu tun, wie sie aufkommt, wenn der „Sachsen-Dreier“, oder gar die Puhdys und Karat zusammen den alten Zeiten nachweinen. Aber die waren ja in Landsberg und nicht in Brachwitz. Besonders hervorzuheben wäre vielleicht noch, dass der letzte Titel, den die Engerlinge zelebrierten, „Albatros” war, ein Stück, das so viele Assoziationen zur heiligen Seefahrt in sich birgt und das offenbar hauptsächlich für uns, die wir uns auf dem Wasserweg zur Spielstätte voran gearbeitet hatten, gespielt wurde.
Der Weg in die Zelte war nicht weit. Am nächsten Morgen wurden die Boote zur Weiterfahrt zu Wasser gelassen.

Autoren: Götz Rohmer, Hans-Jürgen Paasch
Foto: Hans-Jürgen Paasch