Wie gut ist unser Trinkwasser? Interview zum Tag des Wassers am 22. März 2017

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Ein Interview der Stadtwerke Halle mit der Toxikologin Professor Heidi Foth:

Prof. Dr. Heidi Foth ist Direktorin des Instituts für Umwelttoxikologie der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg. Die Expertin beriet 12 Jahre die Bundesregierung im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU). Die Stadtwerke Halle sprachen mit ihr über die Qualität von Trinkwasser.
Frau Prof. Foth, trinken Sie eigentlich Wasser aus der Leitung?

Heidi Foth: Selbstverständlich. Mir schmeckt es. Ob ich Wasser aus dem Hahn trinke oder lieber zum Flaschenwasser greife, ist bei uns keine Frage der Qualität, sondern eine reine Geschmackssache.

 

Wie gut ist denn unser Trinkwasser?

Heidi Foth: Sehr gut. Und übrigens immer uneingeschränkt zum Verzehr geeignet. Trinkwasser ist in Deutschland das am besten kontrollierte Lebensmittel. Hier gelten weitaus strengere Kriterien als beispielsweise bei Wein, Bier oder Saft. Und darauf wird an jeder Stelle des Wasserkreislaufes penibel geachtet. Vom Regentropfen, der in der Talsperre gefördert wird, über seinen Weg durch die Trinkwasserleitungen mit ihren vielen Messstationen bis hin zum Wasserhahn betreiben die Wasserversorger ein engmaschiges Netz, das die Wasserversorgung in hoher Qualität sicherstellt. Mit wachem Auge machen dafür rund um die Uhr Ingenieure, Fachkräfte für Wasserwirtschaft und Wasserversorgungstechnik, Umweltschutztechniker oder auch Laboranten einen guten Job. Darauf können wir ebenso vertrauen, wie darauf, dass das Umweltbundesamt seiner Überwachungs-, Kontroll- und Schutzfunktion gerecht wird.

 

Aber öffentlich wird immer wieder die Diskussion um eine zu hohe Nitratbelastung im Grundwasser geführt…

Heidi Foth: Das stimmt. Und dass die Diskussion emotional geführt wird, ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Der Verbraucher reagiert empfindlich auf das Thema „Schadstoffe“. Allerdings erlauben Daten zum Stickstoffgehalt im Grundwasser keinen Rückschluss auf die Qualität des Trinkwassers. Das ist in Deutschland allerorten unbelastet. Der Grenzwert für Nitrat liegt EU-weit bei 50 Milligramm pro Liter. Dass er eingehalten wird, dafür sorgen die Wasserversorger. In intensiv landwirtschaftlich genutzten Gegenden verdünnen einige Versorger deshalb beispielsweise zu stark belastetes Grundwasser mit unbelastetem Wasser und sichern so die Trinkwasserqualität.

 

Wir vergessen leider oftmals, Zusammenhänge zu unserem eigenen Tun herzustellen. Nitrat ist eine natürlich im Boden vorkommende Stickstoffverbindung, die aber auch aus Gülle und Kunstdünger in die Böden gelangen kann. Warum haben unsere Böden ein „Zuviel“ an Stickstoff? Wir wollen Fleisch essen und uns jederzeit an einer üppigen Brotauswahl oder der vollen Gemüsetheke bedienen können. Gerne viel von allem. Und preiswert…

 

…. und das hat Folgen?

Heidi Foth: Ja. Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immens verändert. 1950 ernährte ein Landwirt in der Bundesrepublik Deutschland zehn Personen. Heute macht er 144 Menschen satt. Das bedeutet aber auch: Rentabel arbeitet nicht der Landwirt, der drei Tiere auf der Weide oder ein handtuchgroßes Getreidefeld hat, sondern der, der den Bedarf schnell deckt. Für ein optimales Wachsen benötigt eine Pflanze Nährstoffe, allen voran Stickstoff, Phosphor und Kalium. Mit gezielten Düngemittelabgaben fördern die Landwirte diesen Wachstumsprozess. Was der Pflanze nutzt, kann aber die Böden überbeanspruchen. So kommt es in Gebieten mit intensivem Pflanzenbau oder einer hohen Konzentration von Tierbeständen zu Nitratauswaschungen. Auch Rückstände von Pflanzen-schutzmittel oder von in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotika sind ein Thema. Ein ständiges Mehr an Agrarwirtschaft fordert von der Umwelt folglich zwangsläufig Tribut. Ganz einfach ausgedrückt: Was und wie viel ich mir heute auf meinen Teller lege, hat Einfluss auf die Qualität des Grundwassers, mit denen unsere Kinder und Enkel leben müssen.

 

Müssen wir uns also doch um unser Trinkwasser sorgen?

Heidi Foth: Noch einmal, unser Trinkwasser ist bestens. Und: Grundwasser ist nicht gleich Trinkwasser. In Sachsen-Anhalt stammt etwa die Hälfte des gewonnenen Trinkwassers aus Grund- und Quellwasser, die andere Hälfte wird aus Oberflächenwasser aus Talsperren, Seen, Flüssen oder Uferfiltrat gefördert. Die Hallenser bekommen ihr Wasser ja beispielsweise aus der Rappbode-Talsperre im Harz sowie aus der sächsischen Elbaue. In den Quellgebieten von Heide, Harz oder Fläming gibt es keine intensive Landwirtschaft, das Grundwasser muss nicht aufwändig von Nitrat gereinigt werden.

 

Richtig ist aber auch, dass es eine dringende gesamtgesellschaftliche Auf-gabe ist, unsere Böden und damit auch die Gewässer ausreichend und nachhaltig zu schützen. Grundwasser braucht etwa 25 bis 30 Jahre, um sich von Belastungen zu erholen. Fast ein ganzes Arbeitsleben also. Ent-scheidungen, die wir heute treffen, haben unmittelbar Einfluss darauf, ob die nachfolgenden Generationen in einer ebenso stabilen und komfortablen „Wasser-Lage“ leben wie wir. Und das tun wir. Bei uns gibt es weder einen Mangel an Wasser noch gesundheitliche Probleme, wenn wir das kühle Nass aus dem Hahn holen. Das ist ein Luxus, von dem die Menschen in anderen Ländern der Welt nur träumen können. Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass das dauerhaft so bleibt. Dazu gehören Lösungen für die unerwünschten Nebenwirkungen der Überdüngung. Deshalb sind die Bemühungen um beispielsweise eine Novelle der Düngeverordnung oder auch das Einführen von gesetzlichen Schwellenwerten für Biozide und Pflanzenschutzmittel genau der richtige Weg.

 

Hintergrund:

Nitrate sind natürlich im Boden vorkommende Stickstoffverbindungen. Sie gelangen aber auch mit Gülle und Kunstdünger auf die Felder. Pflanzen verwerten den Stickstoff des Nitrats für den eigenen Stoffwechsel. Bei intensiver Landwirtschaft gelang mehr Stickstoff auf die Felder, als die Böden aufnehmen können. Durch Auswaschung kann Nitrat in den Böden mit dem Regen in das Grundwasser gelangen. Nitrat selbst ist innerhalb der Grenzwerte vollkommen ungiftig. Die Ursache für gesundheitliche Risiken liegt in der Gefahr einer Reduktion des Nitrats zu Nitrit. Eine solche Umwandlung findet zum einen im Darm durch entsprechende Bakterien statt, zum anderen können auch die Speicheldrüsen über den Blutweg angeschwemmtes Nitrat reduzieren.

 

Quelle: Stadtwerke Halle

 

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