Wer war Luther? Oper Halle feiert Reformationsjubiläum mit unkonventionellem Projekt

v.l.n.r.: Robert Sellier (Tenor), Martin Reik (Luther), Bürgerchor - Foto: Anna Kolata

[Foto: Anna Kolata] Auf die Idee muss man erst mal kommen, eine musikalische Betrachtung zum Reformationsjubiläum, die im Flughafen Leipzig – Halle beginnt und in der Solosänger Robert Sellier von einer freundlichen Ansagerin aufgefordert wird, doch nun mit seinem Part zu beginnen, in diesem Fall mit einem Rezitativ von Bach. Was den Zuschauer dann erwartet ist ein Feuerwerk an Texten und Musik, die Musik von Bach und die Texte – wer hätte das gedacht – in den meisten Fällen von Martin Luther.  Ausgedacht  hat sich das alles unter dem schlichten Titel „Luther – das Kantatenprojekt“ Veit Güssow, stellvertretender Intendant der Oper Halle.

Mit von der Partie sind KS Romelia Lichtenstein, Svitlana Slyvia, Ki-Hyun Park und eben Robert Sellier. Eine besondere Rolle kommt Martin Reik als Luther zu, und was wäre eine Würdigung des Reformationsjubiläums ohne das Volk. Dafür hat Güssow nicht nur den Kinder- und Jugendchor der Oper mit den Herren des Opernchors auf die Bühne gestellt, sondern auch einen Bürgerchor mit Sängerinnen und Sängern der Region. Musikalisch werden sie alle angeleitet von Christopher Sprenger, der in dieser Spielzeit als 1. Kapellmeister der Staatskapelle Halle schon mehrfach für Begeisterung sorgte.

Das angenehme an diesem besonderen Abend zum Reformationsjubiläum, er weicht von den gewohnten Ehrungen ab. Zitate von politischen Empfehlungen, wie das Jubiläum inklusive Vermarktung zu begehen sei, fördern eine Hinterfragung des Umgangs mit solchen Ereignissen. In Halle nun schert man sich wenig um solche Vorschläge, sondern reiht  Programmpunkt an Programmpunkt – eine lebendige Kantateninterpretation. Luthers „ein feste Burg ist unser Gott“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm.  Professionell, aber nicht dominant, führen die vier Solisten die Sängerschar an und dann schwebt Martin Reik als Kosmonaut mit großem Getöse auf die Bühne und zeigt Luther in all seinen Fassetten, eine großartige Leistung! Ein Nicht wenige Zuschauer sind verblüfft, wie viele deutsche Wortschöpfungen  von Luther stammen, und ja, er hatte nicht nur positive Seiten, sein Antisemitismus ist erschreckend.

Die szenischen Einlagen des Bürgerchors haben es in sich, da werden Marx und Gauck – mit seiner besonderen Liebe zum Wort „Freiheit“ – zitiert und Bürgerrechtler schildern ihre Erlebnisse vom November 1989. Es ist genau dieser Wechsel von Bachs Musik und den Sprechszenen, der diesen Abend ausmacht, ein Abend, an dem man gut unterhalten wird und einiges dazu lernt. Zu Recht wurde die Premiere mit jubelndem Beifall bedacht.

Gisela Tanner