Wasserwandern im Kajak auf der Elbe durch Anhalt

Dass man im Urlaub nicht immer in die Ferne reisen muss, das meinte auch Hans-Jürgen Paasch und paddelte  zusammen mit Partnerin und Freunden in Anhalt  die Elbe entlang – ein Reisebericht:

Seit einigen Jahren verbringen meine Frau und ich mit einem befreundeten Ehepaar aus Koblenz unseren Sommerurlaub auf deutschen Flüssen. Nach Hochrhein, Mosel, Lahn, Unstrut und Saale war in diesem Jahr mal wieder die Elbe dran. Da wir die Strecke von Decin nach Torgau bereits gepaddelt sind, nehmen wir uns in diesem Jahr Torgau–Magdeburg vor.

Dabei werden wir das 800 Jahre alte Anhalt durchqueren. Nicht wie Goethe 1805, der von Halle nach Magdeburg reiste. Kurz vor Mittag erreichte der Dichter Anhalt-Bernburg. Nach dem Essen hatte er Anhalt schon wieder verlassen. Aber die Elbe fließt ja etwas quer durch alle Anhalt-Teile und wir nehmen noch etwas Sachsen-Anhalt dazu.

Wir bauen unser Zelt beim Torgauer Kanu Club auf und sind gerade fertig, als ein heftiges Gewitter beginnt. Unsere Koblenzer Freunde sind auch eingetroffen, wir müssen jedoch zuerst im Vereinshaus warten bis der Regen zu Ende ist. Die Ausstattung hier ist wirklich sehr gut. Wir können das Gewitter abwarten. Neben einem Aufenthaltsraum, Toiletten und Duschen gibt es auch eine Küche mit Frühstücksraum zur Benutzung. Zimmer können auch gemietet werden. (http://kanu-torgau.de) Wer unsere Tour nachfahren möchte kann sich beim Kanu Club ein Boot ausleihen.

Das Gewitter hält lange an und verwehrt uns einen Besuch der Stadt mit dem Schloss Hartenfels. Zum Glück waren wir bereits einmal in Torgau.

Am nächsten Morgen beginnen wir unsere Fahrt auf der Elbe. Die Strömung und unsere Paddelbemühungen bringen uns schnell vorwärts. Die Elbe hat 4 bis 5 Km/h Strömung. Also sollten wir so 10 Kilometer in der Stunde schaffen. Wir nehmen wir uns Strecken von 25 bis 35 Kilometer vor, Erholung geht vor. Ab Torgau ist das Elbufer mit den Bäumen der Weichholzaue wie Weiden und Pappeln bewachsen. Zur Regulierung des Wasserabflusses reichen Buhnen in das Fahrwasser. Hinter diesen Buhnen ist keine Strömung, meist auch eine Sandbank, man kann leicht anlegen und eine Badepause einlegen. In Dommitzsch legen wir am linken Ufer vor der Fähre an und essen an der Fähre zu Mittag.

Weiter geht es in Richtung Pretzsch. Wir hatten vor, in der Nähe der Fährhauses zu zelten. Jedoch gibt es zwar einen Anlegesteg, der liegt aber drei Meter  vom Ufer entfernt. Eine Verbindung gibt es nicht. Auch im Weiteren gibt es am linken Ufer keine gute Anlegestelle. Es zieht jedoch ein Gewitter auf und wir finden zum Glück am rechten Ufer hinter einer Buhne einen Sandstrand zum Übernachten. Es regnet erst bei Einbruch der Dunkelheit. Lange sitzen wir am „Sandstrand“ und schauen der Elbe beim fließen zu.

Am frühen Morgen paddeln wir durch den Bodennebel. Aber schnell kommt die Sonne heraus. In Elster finden wir eine Möglichkeit die Boote auf eine Wiese zu ziehen und kommen so zu einem ausgezeichneten verspäteten Frühstück. Um die Mittagszeit erreichen wir die Lutherstadt Wittenberg. Wir übernachten bei der Wassersportgemeinschaft Wittenberg 1962 e. V. Die ist leicht zu finden. Am rechten Ufer vor der Elbbrücke genau hinter der Ruine des VEB Kraftverkehr. Aber die Anlage ist wunderschön. Dank des hohen Wasserstandes fahren wir einfach auf die Wiese, auf der wir dann später auch zelten werden. Am Abend kommen tatsächlich noch andere Wasserwanderer. Wie befahren doch die Elbe ist. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern und zwei RZ 85 Faltbooten wird hier Ihre Tour beenden. Ich fahre mit dem Zug nach Torgau, um das Auto nachzuholen. Das sind zwei Stunden über Bitterfeld, Leipzig und Gräfenhainichen.

Wir haben nun einen Ruhetag für die Kultur. Besichtigt wird Wittenberg, Lutherhaus, Leucorea und Schlosskirche. Um in die Stadt zu kommen müssen wir einen Umweg um den Parkplatz des ehemaligen VEB Kraftverkehr machen, eine große eingezäunte Fläche. Gerade im Zelt angekommen findet unser heutiges Gewitter statt.

Und weiter geht’s. Die erste Strecke des Tages, vorbei am Wittenberger Hafen und Pisteritz hat doch einen technischen Charakter. Aber gleich nach dem Holzkraftwerk übernimmt die Natur die Hoheit. Wir fahren wieder durch die Auenwälder und erreichen am Kilometer 229 das Kerngebiet des UNESCO Biosphärenreservats Mittelelbe. Hier bis zur Saalemündung ist das wilde Anlegen verboten. Am linken Ufer ist die Aue des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches. Heute kommt uns auch mal ein einsamer Wasserwanderer entgegen. Gegen die Strömung. Er nutzt die Strömungsverhältnisse zwischen den Buhnen aus um vorwärts zu kommen. Wir erreichen den Kanuverein-Coswig (Anhalt) e. V. am rechten Ufer direkt vor der Coswiger Fähre (Foto). Hier werden wir freundlich empfangen, können auf der großen Wiese zelten und die Küche mitbenutzen. Wie meist, gibt es auch hier günstige Getränke. Am Abend kommt noch ein weiterer einsamer Wasserwanderer, der sich aber größere Etappen vorgenommen hat.

Es folgt der nächste Ruhetag. Wir wandern an dem Coswiger Schloss, welches von Weitem einen besseren Eindruck machte, vorbei und besuchen die Kirche St. Nicolai. Eine beieindruckende Kirche. Die Kirche geht auf Ursprünge aus dem 13. Jahrhundert zurück. Imposant sind die barocken Doppelemporen und der große Altaraufsatz. Ein freundlicher Herr scheint auf uns gewartet zu haben und gibt uns eine ausführliche Führung. Wie in Wittenberg, sind auch hier Bildwerke aus der Cranach-Werkstatt vorhanden. Wäre der Turm nicht in Rekonstruktion, hätten wir den auch Ersteigen können. Also müssen wir unbedingt später noch mal her.

Wir besuchen auch noch das Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Bis zum Abend bleiben wir hier, durchstreifen den Park, suchen die Blickachsen und besichtigen das Schloss, den Stein und das englische Haus. In dem schönen Kanuverein sitzen wir am Abend noch lange am Elbufer.

Heute geht es nach Dessau. Wir paddeln an der Ruine des Kraftwerkes Vockerode vorbei. Früher haben hier 12 Turbinen 400 Megawatt Strom aus Braunkohle erzeugt. Heute wirkt das Bauwerk vom Wasser aus immer noch etwas bedrohlich. Danach passieren wir die Brücke für die A9. Wie viele Stunden in meinem Leben habe ich auf dieser Brücke im Stau zugebracht? Zum Glück die letzten Jahre nicht mehr. Durch eine Flußbegradigung sind es von km 250 bis 252 nur 500 Meter. Dann macht der Fluß eine Linkskurve, in der sich am linken Ufer eine große Sandbank gebildet hat. Heute sind überall Schauer unterwegs, uns hat es bisher jedoch noch nicht getroffen. Am rechten Ufer erreichen wir Roßlau und die Brücke, welche die Stadt Dessau-Roßlau verbindet. Der Fluß geht in eine Schleife in etwa 5 Kilometern werden wir fast wieder an der gleichen Stelle sein, nur deurch die Industriehäfen von Dessau und Roßlau getrennt. Nach der Mulde-Mündung fahren wir an den Ruinen des Dessauer Wallwitzhafens vorbei und erreichen am Leopoldshafen die Junkers Paddelgemeinschaft, wo wir übernachten werden. Wir finden einen schönen Zeltplatz und ein imposantes Bootshaus. Viele Teile aus dem Flugzeugbau fanden hier Verwendung. Die alten Spinde sind mit Blechen der Junkers-Flugzeuge verkleidet. Nach einer freundlichen Begrüßung wird uns mitgeteilt, dass unsere Strecke von Coswig (26 km) „sich doch gar nicht lohne“. Sehr aufbauend. Nach ca. 20 Minuten Fußweg erreichen wir die Meisterhäuser und das Bauhaus zur Besichtigung. Es sind weitere Wasserwanderer eingetroffen. Ein älteres Ehepaar aus Hamburg hat sich ein RZ 85 Faltboot ohne Spritzverdeck gekauft und macht seine erste Tour von Bad Schandau bis nach Hause. Als Rentner haben Sie genügend Zeit und keine Zeitvorgaben. Wir wünschen alles Gute.

In der Nacht hat es geregnet. Wir warten noch einen Schauer ab und starten unsere heutige Tour, nicht ohne unsere Spritzdecken vorzubereiten. Vor uns noch eine wichtige Wolke, aber am Dessauer Industriehafen biegt die Elbe um 90 Grad nach Westen und wir erwischen dieses Regengebiet nicht. Auf dem Weg nach Aken haben wir jedoch weniger Glück. Eine Gewitterwolke kommt direkt auf uns zu. Gewaltige Blitze machen uns dann doch ein wenig Angst, wir fahren an das Ufer. Auch im Naturschutzgebiet darf das Ufer in Gefahrensituationen betreten werden. Die ersten Tropfen fallen bereits. Unsere Freunde stellen sich unter einer Weide unter. Das ist mir zu gefährlich. Meine Frau setzt sich unter ein Regencape. Ich verstaue meine Sachen im Boot und behalte nur die Badehose an. Damit nichts nass wird, drehen wir die Boote um. Da geht es auch schon los. Am Rand der Wiese, warten wir das Unwetter ab. Zwischenzeitlich wird aus dem Regen Hagel, aber nach einer halben Stunde ist alles vorbei und wir fahren weiter.

Am Kanuclub Aken haben die Hamburger angelegt. Die sind etwas nass geworden und müssen nun das Wasser aus ihrem Boot schöpfen. Da sie eher losgefahren sind, haben sie bereits 2 Regengüsse überstanden. Wir wollen noch bis Breitenhagen und beeilen uns, da es immer noch nach Regen aussieht. Bei mäßigen Regen landen wir in Breitenhagen an und nehmen unsere Boote aus dem Wasser. Da wir mit Regenjacke und Spritzverdeck paddeln können, macht uns der Regen nicht so viel aus. Nur gewittern sollte es eben nicht. Bevor wir unsere Zelte aufschlagen warten wir den Regen im Schiffsmuseum Gerda ab, was noch einige Zeit dauert. Auf der Elbe fahren die Hamburger vorbei, sie möchten noch bis Barby. Immer wieder wird Wasser geschöpft. Nicht gut bei diesem Wetter keine Spritzdecke zu haben.

Auch in der nächsten Nacht hat es geregnet. Wir wollen heute Schönebeck erreichen. Das Zelt ist bereits verstaut und es beginnt wieder zu regnen. Ich sitze unter der Gerda und warte ab. Im Schiffsrestaurant sollte es trocken sein. Also frühstücken wir erst einmal. Dann essen wir auch noch zu Mittag. Als es etwas heller zu werden scheint paddeln wir los. Regensachen und Spritzverdeck sollte reichen. Wir passieren die Saalemündung und erreichen Barby.

Das Kerngebiet des UNESCO Biosphärenreservats haben wir nun hinter uns. Die Weichholzaue am Ufer reicht jedoch weiter. Auch das Biosphärenreservat endet erst in Schleswig Holstein. Am Abzweig des Umflutkanals zum Pretziner Wehr beginnt es wieder zu regnen. Wir hatten heute vor eine längere Pause auf einer Sandbank zu machen und zu grillen. Das schenken wir uns. Wenige Kilometer vor Schönebeck wird es heller. Der Regen hört auf. Wenige Buhnen vor dem Ziel beginnt es wieder. Wir legen an und stellen uns am Bootshaus des Schönebecker Sportclub e. V. unter. Der hier übliche frostige Empfang „Toiletten sind oben“ kommt wohl daher, dass ich im Frühjahr mit meinem Auto einfach auf Wiese gefahren bin, um mein Boot auf das Auto zu heben. Aber die Jugendgruppe fährt zum Wettkampf und eine Hochzeit für morgen muss vorbereitet werden. Wir erfahren später, dass der Clubwart immer so „freundlich“ ist. Wir zelten als einzige auf der großen schönen Wiese an der Elbe  direkt unter dem Schifffahrtszeichen. Es kommen am späten Abend noch eine Gruppe unentwegter. Die haben schon die ersten 10 000 Kilometer in diesem Jahr hinter sich.  Der jüngste 70. Alle schlafen auf ihren Iso-Matten im Fittnesraum. Heute ist die Gruppe in Coswig gestartet und nach einer Stunde schläft schon alles.

Als wir am Morgen starten ist die „starke Rentnergruppe“ schon weitergezogen. Heute mal nur bis Rogaetz. Wir fahren bis Magdeburg. Fast wären alle Regenwolken an uns vorbeigezogen. Am Herrenkrug regnet es heftig. Wir fahren am Domfelsen vorbei. Hier haben sich Wellen gebildet, die nicht so einfach zu nehmen sind. Dann noch in die Zollelbe einfahren, bald ist der SC Magdeburg erreicht. Unsere Fahrt ist zu Ende. Wir verstauen das Boot auf dem Auto, unsere Freunde bauen ihr RZ 85 auseinander. Das Zelt steht auf einem kleinem Wiesenstück direkt an der Zollelbe. Es bleibt aber noch Zeit für einen Spaziergang durch die Innenstadt. Dom, so spät nur von außen, Elbufer, Festungsanlagen, neue Zitadelle. Magdeburg ist so nah, aber ich war nie hier.

Heute fahren wir nach Hause. Das Frühstück ist fertig. Wir sitzen mitten in Magdeburg an der Zollelbe und es trudeln so langsam die Teilnehmer für das Drachenboottraining des SC Magdeburg ein. Zwei Trainingsgruppen steigen ein und fahren im Affenzahn die Zollelbe hoch und runter. Wir frühstücken und sehen zu. Unser Urlaub ist vorbei. Im nächsten Jahr dann wohl ein Fluß in Litauen. Mal sehen.

Hans-Jürgen Paasch www.buchgestalter.eu

Foto: © Hans-Jürgen Paasch – Zelten auf dem Gelände des Kanuverein Coswig (Anhalt) e. V. Im Hintergrund die Fähre nach Wörlitz und das Coswiger Schloss.