Unterwerfung – Schauspiel Halle bringt Michel Houellebecqs Roman auf die Bühne

v.l.n.r.: Hagen Ritschel (François), Patricia Coridun (Myriam/ Annalise), Harald Höbinger (Bruno/Rediger) Foto: Anna Kolata

[Foto: Anna Kolata] Das neue theater in Halle scheint in dieser Spielzeit  wieder auf Erfolgsspur zu sein. Nach der hochgelobten Premiere von Hebbels „Nibelungen“, inszeniert von Intendant Matthias Brenner, ist nun ein Kammerspiel auf die Bühne gekommen, das es in sich hat. Sophie Scherer hat in ihrem Regiedebüt den Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq für die „Kammer“ des neuen theaters inszeniert, und das sehr überzeugend. Der Inhalt ist durchaus brisant, scheint er doch die westlichen Werte auf den Kopf zu stellen.

Der Literaturwissenschaftler François hat Glück, er gehört nicht zu denen, die nach dem Studium arbeitslos werden, sondern lehrt in seiner Fachrichtung an der Universität. Das ist ein sicherer Arbeitsplatz, der ihm aber nicht über seine Einsamkeit hinweg hilft. Deshalb flüchtet er sich zur Kompensierung immer wieder in sexuelle Abenteuer, besonders gern mit seinen Studentinnen, oder legt selbst Hand an. Zu einer endgültigen Bindung ist er nicht fähig. Das macht nicht glücklich, vertreibt aber die Zeit und täuscht ein inhaltsreiches Leben vor.

Doch was ist schon sicher, politische Entscheidungen stehen an. Nach einem heißen  Wahlkampf, u.a. zwischen Marie Le Pen und Ben Abbès, der dem Islam nahe steht, siegt Abbès. Nun wird alles anders. Die Demokratie kommt unter die Räder und wird ersetzt durch Scharia und Patriarchat. Plötzlich ist nichts mehr sicher, der Arbeitsplatz geht François verloren und sein Leben wird in Frage gestellt. Er hat nur eine Chance, seinen Lebensunterhalt zu sichern, er muss sich den Wünschen des neuen Herrschers unterwerfen.

Wie das Leben, das Ringen mit sich selbst und schließlich die Anpassung an die neuen Verhältnisse verlaufen, das bringt Hagen Ritschel in diesem Kammerstück überzeugend auf die Bühne. Ihm zur Seite stehen Patricia Coridun (als Gast) und  Harald Höbinger, die gleichfalls  das Maß der Unterwerfung ausloten. In verblüffender Geschwindigkeit wechseln sie in ihre unterschiedlichen Rollen. Die drei nehmen das Publikum mit in die Welt des Michel Houellebecqs, in der alles in Frage gestellt wird und nichts sicher ist.  Die Frage nach dem richtigen Maß zwischen Unterwerfung (Anpassung) und Selbstbehauptung in einer unsicheren Zukunft muss jeder für sich beantworten.

Gisela Tanner

 

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