Turandot – ein lauschiger Sommerabend mit grausigen Aussichten

v.l.n.r.: Ivana Sajevic, Franziska Rattay, Louise Nowitzki, Nico Parisius © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Es gehört schon viel Mut dazu an einem Ratespiel teilzunehmen, wenn bei jeder falschen Antwort der Tod lauert, und dazu noch ein grausamer. Wer möchte schon, dass sein Kopf der Allgemeinheit zur Schau gestellt wird.
Doch von Anfang an: An einem lauen Sommerabend versammelten sich die Theaterbesucher in einer neuen Spielstätte auf dem Steintorcampus, direkt hinter dem traditionsreichen Steintor-Varieté, um sich eine Aufführung des Puppentheaters Halle anzuschauen. Auf dem Spielplan stand Turandot, ein tragikomisches Märchenspiel von Carlo Gozzi, wiederentdeckt von Friedrich Schiller.

Regie führte Ralf Meyer und Louise Nowitzki steuerte die zauberhaften Puppen bei. Sie gehörte auch zu den Schauspielerinnen und Schauspielern, die auf der Bühne zu sehen waren. Hinzu kamen Ivana Sajevic, Franziska Rattay, Nico Parisius und Sebastian Herzfeld a. G., der nicht nur für die passende Live-Musik sorgte, sondern auch ins Geschehen mit einbezogen wurde.

Nach einer kurzen Eröffnungspassage, die in der Neuzeit spielte, fanden sich die drei weiblichen Darstellerinnen am Hof des Kaisers von China in Peking wieder und Nico Parisius, eben noch Verkäufer in einer China-Imbissbude, wurde zu Prinz Kalaf, der unbedingt um die Hand Turandots, der Tochter des Kaisers, anhalten wollte. Den drei Fragen, die er zuvor beantworten sollte, wollte er sich gern stellen, auch wenn bei Nichtbeantworten der Tod lauerte. Die aufgespießten Köpfe vor den Toren der Stadt ließen die zu erwartende Grausamkeit erahnen. Im Bühnenbild (Klemens Kühn) sind diese jedoch nur als Bilder auf dem Imbisswagen angedeutet, der später zum Domizil des Kaisers wurde, also doch nicht ganz so grausam.

Im Mittelpunkt der Vorstellung standen zweifels ohne die Puppen – der Kaiser, seine Tochter und ihr Gefolge – alle noch ein wenig größer als die Menschen und als Klappmaulpuppen gestaltet. Sie konnten gehalten oder auf Rollen bewegt werden. Die drei Schauspielerinnen Ivana Sajevic, Franziska Rattay und Louise Nowitzki, die ihnen Leben einhauchten, eilten in atemberaubendem Tempo über die Bühne, bewegten die Puppen allein oder zu zweit und wechselten die Rollen, so dass es eine Freude war ihnen zuzuschauen und man aus dem Staunen nicht mehr heraus kam. Das Puppentheater Halle ist schon etwas ganz Besonderes. Wenn dann noch die Abendsonne auf die Bühne scheint, liegt ein ganz besonderer Zauber über der Spielstätte.

Doch nun zurück zur Handlung, wider Erwarten kann Prinz Kalaf die Rätsel lösen, und das obwohl ihm alle Insassen des Hofes, sogar Turandot selbst, abgeraten hatten die Aufgabe anzunehmen. Nun stellte der Prinz selbst ein Rätsel, die Frage nach seiner Identität, die bisher unbekannt war. Das versetzte den gesamten Hof in Aufregung, selbst Musiker Sebastian Herzfeld wurde einbezogen und kurzerhand in den Müllcontainer verbannt. Nico Parisius fügte sich auch ohne Puppen in das Schauspielensemble ein und konnte sich gegen seine weiblichen Gegenspieler behaupten.

Wie es sich für ein Märchen gehört, kommt es zum guten Ende. Wer genau hinhörte, konnte an diesem Abend ein wichtiges Anliegen des Stückes heraushören, seinen tiefen Sinn sozusagen. Turandot ist nicht einfach eine blutrünstige Kaisertochter, ihr Bemühen, sich keinem Prinzen anzunähern, hat auch mit ihrem Bestreben nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung zu tun. Manchmal muss das eben etwas drastisch ausgedrückt werden. Die Zuschauer hatten an diesem Abend trotzdem ihren Spaß und dankten es mit begeistertem Beifall. Diese Vorstellung ist unbedingt weiterzuempfehlen.

Gisela Tanner
(Die Rezension bezieht sich auf die Vorstellung vom 3. Juni 2018.)

 

Vorstellungen noch bis zum 22. Juni im Steintorcampus hinter dem Steintorvarieté

 

Mehr lesen …