Publikumsbeschimpfung – im Schaufenster des nt geht die Post ab

v.l.n.r.: Max Radestock, Sonja Isemer, Robin Krakowski, Nils Thorben Bartling, Katharina Brankatschk © Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel

[Foto: Falk Wenzel] Dass die halleschen Bühnen in letzter Zeit recht experimentierfreudig sind, hat sich ja inzwischen herumgesprochen. Nun hat sich das neue theater unter der Regie von Robin Krakowski an die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke gewagt, aktuelle Anpassungen inklusive.

Im Jahr 1966 – zur Uraufführung in Frankfurt – löste das Stück einen regelrechten Skandal aus, schließlich wurden auch einige Begriffe aus der ungeliebten Zeit des 3. Reiches in den Theatersaal geschleudert. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das Publikum ist toleranter und selbstbewusster geworden, offen für Experimente und schon gar nicht prüde. In der intimen Atmosphäre des „Schaufensters“ agieren  in Halle  Nils Thorben Bartling, Robin Krakowski,  Sonja Isemer, Katharina Brankatschk und  Max Radestock so intensiv, dass den Zuschauern zeitweise Augen, Ohren und Mund vor Staunen offen stehen. Mal kommen die fünf Akteure (oder zeitweise auch 4 wie in der Originalfassung) in einem atemberaubenden Tempo daher, mal geben sie das Gefühl, dass es nie enden werde. Die Zuschauer merken schnell, dass dabei wirklich nichts vorhersehbar ist und lässt sich auf das Spiel ein.

Alles ist anders als gewohnt, vom Ablauf her, über den Inhalt bis hin zur Schlussszene und wenn man denkt, das ist das Ende, geht es noch weiter. Da wird minutenlang in leeren Joghurtgläsern mit dem Löffel geklimpert oder das Publikum völlig ignoriert. Plötzlich folgt dann ein leidenschaftlicher Monolog von Sonja Isemer mit Texten aus Schillers Räubern. Immer ist das Publikum mittendrin, wird zu Beginn persönlich begrüßt und muss sich so einiges anhören. Aber keine Angst, immer wenn es anfängt fast unerträglich zu werden – zum Beispiel am Anfang –  löst sich das Spiel auf. Übrigens, am Schluss fielen sogar die (Clows)-Kostüme und die Schauspieler verdrückten sich auf die Straße. Wer da gerade am „Schaufenster“ vorbei ging, kam nicht schlecht ins Staunen.

Eine beeindruckende Leistung haben die fünf Akteure um Robin Krakowski am Premierenabend abgeliefert, das Publikum schien sich gut zu amüsieren – oder war es manchmal eher ein Lachen aus Betroffenheit?

Gisela Tanner

 

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