Nabucco – Verdi Oper an der halleschen Oper mit Überraschendem und Bekanntem

©Gert Kiermeyer, Karina Esche ,Kwan-Keun Lee, Romelia Lichtenstein (v.l.)
©Gert Kiermeyer, Karina Esche ,Kwan-Keun Lee, Romelia Lichtenstein (v.l.)
©Gert Kiermeyer (v.l.) Karina Esche ,Kwan-Keun Lee, Romelia Lichtenstein 

Die Zuschauer der Nabucco-Premiere am halleschen Opernhaus machten es sich am Freitag auf ihren Plätzen bequem und erwarteten die Aufführung. So sollte es beginnen: die Overtüre mit Anspielungen auf den berühmten Gefangenenchor erklingt, der eiserne Vorhang erhebt sich und die Handlung nimmt ihren Lauf. Doch es kam alles ganz anders, ohne Musik öffnete sich die Bühne und eine jüdische Familie saß am Esstisch. In stereotypen Berwegungen wurden Speisen gereicht, Plätze gewechselt und den Nachrichten gelauscht.

Die Stimmung auf der Bühne wirkte immer bedrohlicher, weil die Szene kein Ende nehmen wollte und sich immer mehr zuspitzte. Über zehn Minuten dauerte sie an. Eine Parallele zu den 1930er Jahren, in denen die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung sich ankündigten, war unübersehbar. Unterdessen hatte der Chor der Oper sich im ersten Rang aufgestellt – die Besucher dort waren eindeutig im Vorteil – um zunächst von hier und dann wieder von der Bühne aus zu singen.

Als die Möbelspedition kam, mit dem Leerräumen des Esszimmers den Gang ins Exil vorbereitete und der Bühnenraum sich erweiterte, erschien es wie eine Erlösung, als die Musik Verdis erklang. Die Oper Nabucco, die fast nicht entstanden wäre, weil der heute so bekannte Komponist wegen mehrerer Schicksalschläge und Mißerfolge schon aufgeben wollte, machte ihn letzlich so berühmt. Selbst in dramatischen Szenen hat man bei Verdi das Gefühl, ein Stück des lebensbejahenden italienischen Lebensgefühls zu spüren, etwa wenn der Gefangenenchor wie ein Walzer klingt. In dieser Aufführung trägt die Professionaltät und Hingabe, mit der Orchester und Chor unter der Leitung von Andreas Henning (Choreinstudierung Jens Petereit) auf der Bühne agieren, zum Erfolg bei.

Die Overtüre ist in der halleschen Nabucco-Aufführung erst nach dem ersten Akt zu hören. Christian Schuller, der die Oper inszenierte, meint, dass er den ersten Teil der Oper, in dem Nabucco Jerusalem zerstört, als Prolog sieht. Die weiteren Akte spielen in Babylon. Es geht in der Oper um Macht, Liebe und Vertreibung. Nabucco, König von Babylon, vertreibt nach der Eroberung Jerusalems das jüdische Volk nach Babylon. Seine uneheliche Tochter Abigaille und seine jüngere Tochter Fenena sind in den gleichen Mann, Ismaele, verliebt. Abigaille wird von ihm abgewiesen, mit Fenena aber flieht der jüdische Ismaele nach Babylon, wird dort von Abigaille erpresst. Um sein Volk zu retten, soll er sich mit ihr zusammentun. Zaccharia, Hohepriester der Hebräer, nimmt Fenena als Geisel um sein Volk zu retten. Abigaille entmachtet Nabucco, der zwischenzeitlich dem Wahnsinn verfällt. Letztendlich siegt aber das Gute: Nabucco findet wieder zu sich als Abigaille Fenena ermorden lassen will. Nur Abigaille nimmt sich das Leben – in dieser Inszenierung als Tod in einer Badewanne.

Die beiden Töchter Nabuccos können unterschiedlicher nicht sein, Fenena zart und feinfühlig – überzeugend von Sandra Maxheimer interpretiert, und Abigaille, kraftvoll und facettenreich von Romelia Lichtenstein dargestellt. Die Sängerin trägt die gesamte Oper Oper und beweist einmal mehr, warum ihr erst kürzlich der Titel Kammersängerin verliehen wurde. In allen Tonlagen und -stimmungen brilliert sie mit ihrer Stimme. Für die Rolle des Nabucco holte sich der hallesche Regisseur den international erfahrenen Bariton Kwan-Keun Lee als Gast. Der mexikanische Tenor Xavier Cortes übernahm die Rolle des Ismaele. Den Zaccaria sang Ki-Hyun Park, der erst kürzlich als „Geduldiger Sokrates“ Erfolge an der halleschen Oper feierte. In weiteren Rollen sind Ines Lex als Anna, Christoph Stegemann als Hohepriester des Baal, Christopher O’Connor als  Abdallo (und Hundeliebhaber) und Karina Esche als Haushälterin zu sehen.

Einige Zuschauer mag es enttäuscht haben, dass der Gefangenenchor nicht von der Bühne aus gesungen wurde. Alles in allem aber eine Inszenierung mit überraschenden Impulsen, die auch Jens Kilian, der für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet und diese kräftig „entstaubt“ hat, zu verdanken sind. Völlig zu Recht dankte das Premierenpublikum den Akteuren mit langanhaltendem jubelndem Applaus.

Weitere Vorstellungen: am Freitag, 19. April um 19.30 Uhr und am Freitag, 10. Mai um 19.30 Uhr in der Oper Halle

Gisela Tanner www.webredakteurin.com
Foto: ©Gert Kiermeyer – Karina Esche ,Kwan-Keun Lee, Romelia Lichtenstein (v.l.)