Messa da Requiem – Verdis Werk als tierisches Spektakel an der Oper Halle

v.l.n.r.: Ki-Hyun Park, Eduardo Aladrén, KS Romelia Lichtenstein, Svitlana Slyvia © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

[v.l.n.r.: Ki-Hyun Park, Eduardo Aladrén, KS Romelia Lichtenstein, Svitlana Slyvia Foto: Falk Wenzel] Wenn Opernintendant Florian Lutz ein Werk auf Halles Musikbühne inszeniert, kann man gewiss sein, dass einige Überraschungen auf die Zuschauer warten.  Mit Kauf der Eintrittskarten hatten diese es in der Hand, mittendrin in der Raumbühne „Babylon“ das Geschehen zu erleben oder in klassischer Manier vom 1. oder 2. Rang aus. Beim Eintreten in den Spielraum tauchten die Besucher in eine zerstörte Welt ein, die von Affen dominiert wurde. Müllsäcke lagen herum und von menschlicher Zivilisation keine Spur. Immer mehr dieser Tiere betraten den Raum, waren es Mitglieder des Opernchors, Statisten oder gar die Zuschauer, die sich für die Sitzvariante „Raumbühne“ entschieden hatten?  Auch ihnen wurden Kostüme und Affenmasken angeboten.

Fixpunkt des Geschehens war das Orchester, dass in der Mitte der Bühne positioniert wurde und von allen Plätzen aus gut zu sehen und zu hören war, und das war gut so! Was Christopher Sprenger zusammen mit der Staatskapelle Halle, den Solisten, dem Chor und Extrachor der Oper boten war grandios und hätte schon den Abend füllen können.  Der kraftvollen Musik Guiseppe Verdis  kann man sich kaum entziehen, und doch gab es noch so viele andere Schauplätze. Florian Lutz hatte das Requiem, das Verdi 1874 dem Dichter Alessandro Manzoni als Totenmesse gewidmet hat, in eine zeitgemäße Handlung eingebunden.

Wir erleben eine zerstörte Stadt. Plötzlich taucht aus einem versprengten Labor eine Wissenschaftlerin auf (Svitlana Slyvia) und versuchte den Untergang zu analysieren: Erste Anfänge der Verwandlung der Menschen zu Affen wurden noch ignoriert, so z.B. unkontrollierte Schlägereien in Parlamentsräumen und andere menschenunwürdige Verhaltensweisen. Irgendwann war die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten und die Gesellschaft verrohte immer mehr bis zum Zusammenbruch. Romelia Lichtenstein, die als blinde Bewohnerin der untergegangenen Stadt zwischen Müllsäcken hauste, litt genauso unter den Verhältnissen wie die wenigen übrig gebliebenen männlichen Bewohner (Eduard Aladren und Ki-Hyun Park),die sich in der freien Natur bzw. in einem VW-Bus versteckt hielten.

Damit von jedem Platz aus das Geschehen verfolgt werden konnte, wurden zahlreiche Videowände und Monitore aufgestellt. Einige Zuschauer hatten sogar die Möglichkeit, in einer Simulation mit 3D-Brille die Stadt vor der Zerstörung zu erleben (Die Umsetzung erfolgte mit der halleschen Kunsthochschule Burg Giebichenstein).

Verzweifelt versuchten die verbliebenen Menschen in der zerstörten Stadt, den erschütternden Zustand zu beenden, wissenschaftlich  angelegte Simulationen sollten helfen. Es gab zwei Varianten: das Chaos mit den Affen zusammen zu überwinden oder sie zu töten. Schließlich entschied man sich für das Töten. Die Zuschauer in der Raumbühne wurden aufgefordert, mitten im Spiel die Sitzplätze zu wechseln und ihre Affenkostüme abzulegen. Auch die Chorsänger konnten sich ihrer Verkleidung entledigen, erschienen nun – ein wenig zu konform – reinweiß gekleidet und mit blonder Perücke. Ist das das Ziel, vereinheitlichte Kreaturen ohne jede Individualität?

Mit seiner Inszenierung hat Florian Lutz wieder viele Fragen aufgeworfen und Denkanstöße gegeben.  Es scheint, das hallesche Publikum hat sich inzwischen mit seinem avangardistischen Stil versöhnt, auf jeden Fall kam zur Pemiere nicht nur für Solisten, Sänger und Chor begeisterter Beifall, sondern auch das Regieteam wurde mit starkem Beifall bedacht. Besonders euphorisch waren die Beifallsbekundungen von den Zuschauern, die in der Raumbühne saßen.

Übrigens, die Raumbühne Babylon ist noch komplexer als ihre Vorgängerin und macht das Requiem auf besondere Weise erlebbar. Sie schränkt zwar immer noch die Zuschauerzahlen ein, aber die Sicht ist freier geworden und mehr Zuschauer als bei der Heterotropia-Bühne finden in einer Vorstellung Platz.

 

Gisela Tanner