Jeder stirbt für sich allein – vom Mut der kleinen Leute

Foto: Falk Wenzel - Danne Suckel, Elke Richter, Karl-Fred Müller, Hagen Ritschel, Peter W. Bachmann
Foto: Falk Wenzel -  Danne Suckel, Elke Richter, Karl-Fred Müller, Hagen Ritschel, Peter W. Bachmann
Foto: Falk Wenzel –
Danne Suckel, Elke Richter, Karl-Fred Müller, Hagen Ritschel, Peter W. Bachmann

Sich mit den Oberen anzulegen erfordert immer Mut, ist anstrengend und aufwändig. Es gibt aber Zeiten, das ist es gefährlich, ja sogar todesmutig. Davon erzählt Hans Fallada in seinem Buch „Jeder stirbt für sich allein“, das 1947 erschienen ist und seit der Neuauflage 2011 einen kometenhaften Aufstieg erlebte. Jetzt hat sich das Neue Theater Halle an die Inszenierung des Stoffes von Fallada herangewagt. Gast-Regisseurin Alice Asper schrieb auch die Bühnenfassung zum Buch.

Wer Fallada- Werke gelesen hat, weiß seinen Schreibstil zu schätzen. Jedes Pathos ist ihm fremd. Gerade die Nüchternheit seiner Erzählung ist ergreifend genau wie seine gründliche Beschreibung der Menschen und der Umstände, unter denen sie leben. Immerhin hat das Buch einen Umfang von 700 Seiten. Fallada erzählt keine Heldengeschichten, weiß nt-Dramaturg Alexander Suckel zu berichten.

Es geht in diesem Stück um ein Ehepaar, wohnhaft am Prenzlauer Berg in Berlin, das nach dem Tod seines Sohnes während des II. Weltkrieges anfängt, Postkarten mit staatskritischen Texten zu schreiben und zu verteilen. Mehrere Jahre gelingt das Anna und Otto Quangel, erst spät werden sie entdeckt und dann mit der vollen Härte der Gesetze des III. Reiches getroffen. Beide werden zum Tode verurteilt. Das Buch muss Fallada wie im Rausch geschrieben haben, nur 47 Tage brauchte er. Es war gleichzeitig sein letztes Werk, wenig später starb er, von Alkoholsucht und Drogenabhängigkeit schwer gezeichnet.

Die Bühnenfassung des Stückes findet seine Aufführung in der intimen „Kammer“ des Neuen Theaters. Das Bühnenbild dunkel und zurückhaltend, ein Zimmer im Zimmer, nur die Beleuchtung bringt Veränderung und die Markierung der Fundorte der Postkarten. Die 150 Charaktere, die Fallada in seinem Buch beschreibt, werden in dem Stück reduziert. Acht Schauspieler, einige in mehreren Rollen, reichen als Darsteller.

Am Anfang noch leise im Hintergrund die Musik der Zeit, die die deutsche Bevölkerung während des Krieges bei Laune halten sollte. Das Publikum schmunzelt, als Anna Quangel (Elke Richter) ihren Otto (Peter W. Bachmann) die Kleidung richtet. Bachmann spielt den Otto als spröden, aber pflichtbewussten Mann, der tut, was zu tun ist, auch wenn es gefährlich ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der die beiden Eheleute trotz drohender Gefahr ihren Plan zu Ende bringen wollen, nimmt einem den Atem. Die Situation wird immer bedrohlicher, Frau Rosenthal, Jüdin, nimmt sich das Leben, Polizei und Gestapo suchen verzweifelt die Urheber der Postkarten. Auch die Verfolger stehen unter Druck. Es wird still im Zuschauerraum, man meint, die Spannung und Betroffenheit zu spüren.

Wie reagierte man selbst in dieser lebensbedrohlichen Situation, bliebe man menschlich oder machte einen die Angst zum Mitläufer oder gar Verräter? Nicht nur die beiden Hauptdarsteller konnten als Ehepaar Quangel überzeugen, auch Danne Suckel, Lena Zipp, Barbara Zinn sowie Hagen Ritschel, Karl-Fred Müller und Peer-Uwe Teska, die bis zu drei Rollen zu spielen hatten, konnten das Publikum für sich gewinnen. Der begeisterte Beifall kommt erst langsam in Fahrt, zu sehr ist das Publikum noch vom Stück gefangen! Was für eine lebendige beklemmende Geschichtsstunde, Theater ist eben nicht nur dazu da, das Publikum zu unterhalten!

Gisela Tanner
Foto: Falk Wenzel – Danne Suckel, Elke Richter, Karl-Fred Müller, Hagen Ritschel, Peter W. Bachmann

Nächste Vorstellungen: 02.11.2013 20:00 Uhr, 10.11.2013 20:00 Uhr, 09.12.2013 20:00 Uhr