Große Emotionen – Ralf Rossa inszeniert Ballett zu „Werther“ mit ganz eigener Handschrift

v.l.n.r.: Johan Plaitano (Albert), Yuliya Gerbyna (Charlotte), Michal Sedláček (Werther) © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Anna Kolata

[Foto: Anna Kolata] Wenn das Ballett Rossa zur Premiere an die hallesche Oper ruft, kommen die Besucher in Scharen. So auch dieses Mal zur Uraufführung von „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“.

Mit der Problematik des jungen Werthers, den eine unglückliche Liebe bis in den Suizid trieb, hat wohl jeder schon über den Briefroman von Johann Wolfgang von Goethe in der Schulzeit Kontakt gehabt. Mehrfach wurde die Thematik aufgegriffen, z.B. in der modernen Version von Ulrich Plenzdorf. Nun hat sich also Ralf Rossa, Ballettdirektor und Chefchoreograf der Oper Halle, diesem emotionsgeladenen Stoff mit der ihm eigenen Handschrift gewidmet. Entstanden ist eine Inszenierung, die den Zuschauer von der ersten Minute an mitnimmt, ihn mitfiebern und  mitleiden lässt.

Zunächst fängt alles ganz harmonisch an, silberne Bäume vor dunkler Kulisse  strahlen Weite und Zuversicht aus, junge Leute tanzen ausgelassen. Nur Werther – in der Premiere ausdrucksstark interpretiert von Michal Sedláček – ist unglücklich, hat er sich doch in Lotte verliebt, die einem anderen versprochen ist. Immer wieder versucht Werther Lotte, die ihm nicht abgeneigt ist,  für sich zu gewinnen, aber vergebens. Dargestellt wird das alles in beeindruckenden Tanzszenen mit speziellen Hebungen und Körperpositionen, wie sie für Rossa so typisch sind. Yuliya Gerbyna tanzt die Charlotte mit Hingabe, zerrissen von ihren Gefühlen zu ihrem Verlobten Albert (Johan Plaitano) und Werther. Wenn die drei sich auf der Bühne bewegen, ist das Gefühlschaos zwischen ihnen mit Händen zu greifen. Unterstützt werden die Solisten durch das hochmotivierte Ensemble, das Rossas Ideen mit Bravur umsetzt, eingekleidet von  Mechthild Feuerstein, die mit ihren Kostümen für eine modernen Bezug sorgt. Bis an die Schmerzgrenze geht es, wenn Sedláček sich in seinem Unglück – begleitet von schrillen Geigenklängen –  minutenlang herumwälzt. Die Zuschauer halten den Atem an. Es ist halt nicht immer alle „heile Welt“, so wie es uns viele weißmachen wollen.

Ja, und was wäre ein Ballett ohne die Musik? Mit leichter Hand und in abgestimmt auf das Tanzensemble führt Michael Wendenberg die Staatskapelle,  die u.a. Werke von Brahms interpretiert. In besonders emotionalen Momenten wird  Musik von Jaques Brel (Ne me quitte pas), Charles Aznavour (She) und anderen eingespielt. Das ist technisch gut gelöst, so dass man den Unterschied zur Life-Musik nur erahnen kann. (Wer auf den Rängen sitzt, hat natürlich den Blick aufs Orchester frei.) Das Bühnenbild hat Matthias Hönig entworfen, er arbeitet schon lange mit Rossa zusammen und weiß, wie eine ausdrucksstarke Ballettkulisse aussehen muss, die den Tänzern trotzdem ausreichend Freiraum lässt.

Das Publikum ist so ergriffen von der Handlung, dass es ein paar Sekunden braucht, bis der lautstarke Premierenapplaus ertönt. Ballettfans sollten sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen!

Gisela Tanner

 

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