Frühlings Erwachen – vom schwierigen Weg erwachsen zu werden

v.l.n.r.: Sophia Platz (Martha), Benito Bause (Moritz), Mira Helene Benser (Thea), Barbro Viefhaus (Ilse) ©Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Julia Fenske
v.l.n.r.: Sophia Platz (Martha), Benito Bause (Moritz), Mira Helene Benser (Thea), Barbro Viefhaus (Ilse) ©Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Julia Fenske
v.l.n.r.: Sophia Platz (Martha), Benito Bause (Moritz), Mira Helene Benser (Thea), Barbro Viefhaus (Ilse)
©Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Julia Fenske

[Foto: Julia Fenske] Als Frank Wedekind das Stück „Frühlings Erwachen“ mit dem Untertitel „Eine Kindertragödie“ im Jahr 1891 schrieb, löste es einen Skandal aus. Erst 1906 konnte es uraufgeführt werden. Der offene Umgang mit den Sorgen und Nöten Jugendlicher, auch in Bezug auf ihre Sexualität, war in der wilhelminischen Zeit bis dahin undenkbar. Heute ist das anders, man redet seine Eltern mit Vornamen an, lernt alle Varianten sexueller Spiele über das Internet kennen, schon bevor man persönlich damit Erfahrungen sammeln konnte. Den strengen Rahmen des Elternhauses gibt es fast nicht mehr. Jeder Jugendliche ist gehalten, seinen Weg selbst zu finden. Doch ist das immer einfacher?

Im neuen theater Halle hatte Anfang Februar das Stück „Frühlings Erwachen“ in einer überarbeiteten Variante von Nuran David Calis unter der Regie von Nick Hartnagel Premiere. Dieser erarbeitete das Schauspiel zusammen mit den Darstellern für die Aufführung in Halle.  Anders als bei Wedekinds Urfassung stehen nur Jugendliche auf der Bühne, die kurz vor ihrer Prüfung auf der Schauspielschule stehen. Die Erwachsenen bleiben außen vor. Wendla (Marie Scharf), Martha (Sophia Platz), Ilse (Barbro Viefhaus),  Thea (Mira Helene Benser), Moritz (Benito Bause),  Melchior (Paul M. Oldenburg),  Hans (Paul Simon) und  Ernst (Paul Maximilian Pira) bestimmen allein das Geschehen auf der Bühne.  Die Darsteller – Schauspielstudenten aus Leipzig – gehören allesamt zum Studio am neuen theater Halle.

Gleich zu Beginn der Vorstellung „entern“ die Jugendlichen den Saal, begeben sich auf die Bühne – weiß gekleidet vor weißem Hintergrund (herabhängende Papierbahnen) – und legen im Sprechchor lautstark ihre Situation dar. Der Zuschauer ist von Anfang an gefangen in den Wirren des jungen Lebens, und das sollte sich während der gesamten Aufführung nicht ändern. Es geht auch freizügig zu auf der Bühne, na und, wen stört das heute noch? Später wird es bunter, zumindest die Kleidung erhält  farbige Akzente. Jeder einzelne der Schauspielanwärter hat mit Problemen zu kämpfen und geht damit auf seine Art um. Ihr Erwachsen werden ist ein Ausprobieren, Experimentieren, ein überschwengliches Begeistern für Ideen, ein Verwerfen und neu beginnen. Es wird lauter gelacht als unter Erwachsenen und stärker gelitten.

Hinzu kommt der Leistungsdruck,  mit dem die Jungendlichen erstmals durch die bevorstehende Schauspielprüfung in Berührung kommen. Das macht das Leben nicht leichter.  Besonders schwer hat es Moritz, trotz gesundheitlicher Probleme möchte er die Prüfung bestehen. Er ist guter Dinge. Doch was passiert, wenn junge Menschen mit all ihren Sehnsüchten und Wünschen Ablehnung erfahren?  Das Schauspiel endet wie bei Wedekinds Urfassung tragisch.

Betroffenheit macht sich im Zuschauerraum breit. Die Akteure spielen in ihrer jugendlichen Unbekümemmertheit ergreifend und berührend. Die Freude über die begeisterte Resonanz des Publikums  ist den Akteuren anzumerken, und so wird auch die letzte Papierbahn der Kulisse während des Schlussaplauses von der Decke gerissen.  Diese Inszenierung hat das Zeug, besonders beim jugendlichen Publikum ein „Renner“  zu werden.

Gisela Tanner