Frankenstein – Premiere zum Gruseln und Nachdenken im neuen theater Halle

Alexander Gamnitzer (Kreatur), Sonja Isemer (Victor Frankenstein) ©Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Falk Wenzel

[©Foto: Falk Wenzel] Kürzlich hatte im nt das Stück „Frankenstein“ nach Mary Shelley in einer Fassung von Sophie Scherer Premiere. Dass sich hinter dem Werk der Schriftstellerin, die von 1797 bis 1851 lebte, weit mehr verbirgt als der „Gruselschocker“, bekannt aus den amerikanischen Filmen des vorigen Jahrhunderts, dem will die Aufführung im neuen theater nachgehen:

In den Weiten der Arktis zwischen sich stapelnden Eischollen (beeindruckendes und raumgreifendes Bühnenbild von Jürgen Lier) ist ein Forschungsschiff gestrandet, zur Besatzung gehört auch Robert Walton (Harald Höbinger). Plötzlich taucht ein Schiffbrüchiger zwischen den Eisschollen auf. Die Mannschaft bringt ihn an Bord und wie sich herausstellt, handelt es sich um Victor Frankenstein (Sonja Isemer), einem ehrgeizigen und äußert intelligenten Mann, der immer wieder versucht hat, aus toten Körperteilen Leben zu erschaffen. Seine Geschichte ist ebenso verstörend wie verblüffend und sein Lehrmeister, Prof. Waldmann-Krempe (Andreas Range), spielt eine nicht unbedeutende Rolle in der Entwicklung Frankensteins.

In allen Details erfahren Watson – und das Publikum – wie es zur Schaffung der „Kreatur“ (Alexander Gamnitzer) kam und welche Verwicklungen sich daraus ergaben. Begleitet wurde die Rückschau von Einblicken in das Experimentier-Umfeld Victors und in das Leben seiner Familie, alles in der Kulisse des ewigen Eises der Arktis. So scheint Danne Suckel als Mutter von Frankenstein in ihrem langen Kleid (Kostüme Kristina Böcher) mit ihrer Kaffetasse fast über die Bühne zu schweben, als sie munter plaudernd ihre Befindlichkeiten äußert. Auch Alphonse, Frankensteins  Vater (Karl-Fred Müller), ist dabei und spielt sogar Gitarre. Doch die Familienidylle wird zerstört, als die Kreatur dort einbricht und den  Bruder Victor Frankensteins, Wilhelm, erwürgt. Später kommt es im Umfeld des Wissenschaftlers zu weiteren Untaten des künstlich erschaffenen Wesens.

Nun erwartet den Zuschauer aber nicht eine Aneinanderreihung von „Gruselmomenten“, sondern eine differenzierte Betrachtung zur Ursache der  Verrohung des scheinbaren Monsters. Schließlich hat Frankenstein zwar das Wesen erschaffen, es dann aber nicht auf seinem Weg ins Leben begleitet, auch weil er selbst angewidert vom Aussehen seines „Werkes“ ist. Immer wieder kommt die Sehnsucht der Kreatur nach Liebe und Zuwendung zum Ausdruck, die aber nicht befriedigt wird. So versucht es, mit seinen Untaten Aufmerksamkeit zu erwecken. Eine Problematik, die bis in die heutige Zeit hinein aktuell ist.

Den Zuschauer erwartet im nt ein fesselndes Spiel mit hoch motovierten Schauspielern, allen voran Sonja Isemer als Frankenstein und Alexander Gamnitzer als Kreatur – hierzu auch ein Lob an des Maskenbildner-Team. Aber auch Felix Max Radestock als Frankensteins Freund Henry, Andreas Range als Prof. Waldmann-Krempe und Harald Höbinger als Robert Walton tragen zur erfolgreichen Aufführung bei. Besonderen Herausforderungen müssen sich Danne Suckel, Mira Helene Benser vom Studio und Karl-Fred Müller stellen, denn sie spielen gleich in mehreren Rollen.

Äußerst reizvoll sind auch die optischen Momente der Aufführung, die Weite des arktischen Eises und die Schönheit der Kostüme aus der  Zeit Mary Shelleys im Gegensatz zu der Hässlichkeit der Kreatur und der Leichenteile, aus denen sie gefertigt wurde. Wie vom nt gewohnt, ist der Erfolg vor allem dem professionellen Zusammenspiel des gesamten Ensembles zu verdanken.

Gisela Tanner

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