Fidelio an der Oper Halle – wieviel Modernisierung verträgt ein „Klassiker“?

Ines Lex als Marzelline ©Foto: Detlef Kurth

[Foto: Detlef Kurth] Zur ersten Vorstellung nach einer Premiere ins Theater zu gehen hat seine Vor- und Nachteile. Einerseits hat man schon so einiges gehört und der neutrale Blick ist eingeschränkt, andererseits ist man in gewisser Weise auf das Kommende bereits vorbereitet. Auf dem Spielplan stand Fidelio, inszeniert vom Opernintendanten Florian Lutz höchst persönlich. Der mischte sich dann während der Vorstellung auch unter das Publikum. Seine Intention, mit dem Publikum in Kontakt zu treten und zu diskutieren ist lobenswert.

Fidelio, das ist nicht nur für Opernfreunde ein Begriff. Musik aus Beethovens einziger Oper wird immer wieder und zu unterschiedlichen Anlässen gern vorgetragen und man kann sie heute auch über die bekannten Online-Kanäle überall abspielen lassen. Das beginnt mit der Ouvertüre, geht weiter mit den vielen bekannten Arien, dem Quartett „Mir ist so wunderbar“, dem Gefangenenchor und endet mit dem beeindruckenden Schlussteil „Heil sei dem Tag …“.  Diese Musik geht unter die Haut.  Der Inhalt ist bedeutungsschwer, es geht um Liebe, Intrigen, Mord und vor allem um die Freiheit. Das ist Oper in Reinform, da kochen die Emotionen hoch und man möchte als Zuschauer in der Musik versinken.

Schon die Oper mit geschlossenen Augen zu verfolgen wäre ein Genuss, zumal sich Solisten, Chor und Orchester unter der musikalische Leitung von Christopher Sprenger wieder in bewährter Form zeigten.  Gerd Vogel als Don PizarroAnke Berndt als Leonore, Ines Lex als Marzelline, Vladislav Solodyagin als Rocco und Robert Sellier als Jaquino zeigten, welches Potential es an der halleschen Oper gibt. Gleiches gilt für Hans-Georg Priese (Gast)  als Florestan  und Ki-Hyun Park  als Don Fernando, die im zweiten Akt hinzu kamen. Ja, und was wäre die Hallesche Oper ohne Chor, Extrachor und sein Orchester!

An eines aber muss der Opernbesucher in Halle gewöhnen. Seit Florian Lutz und sein Team die Intendanz dort übernommen haben, kann man sich nicht einfach in seinem Zuschauersessel zurücklehnen. Zu aufreizend sind die Brüche und unerwarteten Momente. Zunächst kommt die Oper in opulenter Ausstattung daher, das betrifft das Bühnenbild  (Martin Miotk) genauso wie die Kostüme  (Andy Besuch).  Lutz hat in seine Inszenierung aber eine Parallelhandlung eingebaut. Es geht nicht nur um die Befreiung Florestans aus dem Kerker,  sondern er thematisiert den Abbau der Mittel für die Kultur in unserem Bundesland, die auch die halleschen Bühnen trafen und die künstlerische Freiheit einschränken. Lutz meint in der Opernbeschreibung dazu: “ … Diese Schattenseiten der Freiheit im Zeitalter neoliberaler Markt- und Gesellschaftsreformen sind in unserem Fidelio ebenso Thema, wie die Folgen der gesellschaftlichen Liberalisierung auf den Theater- und Opernbetrieb selbst.“ So werden auf der Bühne – beginnend mit der Ouvertüre – immer wieder Videos  (Iwo Kurze) eingefügt und Begriffe der modernen Marktwirtschaft eingeworfen.

Wann gab es schon bei einer Fidelio-Inszenierung schon einmal heitere Momente wie hier in Halle, z. B. wenn anlehnend an die Fernsehsendung „Bares für Rares“ der Theaterfundus verramscht wird? Im zweiten Akt glaubt man gar, Lutz selbst in Florestan (Hans-Georg Priese) wieder zu erkennen, als er zusammen mit seinen Intendantenkollegen in seinem Büro um den Spielplan ringt.  In solchen Momenten wird dann eine zweite Bühne in das Bühnenbild eingefügt.

Einer Oper einen modernen und zeitaktuellen Touch zu verleihen, dagegen ist nichts zu sagen, gerade weil es  zu Diskussionen anregt, und ins Gespräch will die aktuelle Intendanz ausdrücklich kommen.  Allerdings hätte man sich in manchen Momenten, z.B. beim Schlussteil „Heil sei dem Tag …“  gewünscht, dass der durchsichtige Vorhang fällt und damit die Videoeinspielungen weggefallen, um sich ganz der Musik, dem glanzvollen Bühnenbild und den wunderschönen Kostümen hingeben zu können.

Bei dieser zweiten Aufführung der Oper reagierte das Publikum durchgehend wohlwollend und es gab starken Beifall für die Akteure. Mißfallensbekundungen wie bei der Premiere waren nicht zu hören.

Es ist auf jeden Fall empfehlenswert, sich diese Oper anzusehen. Zur Einstimmung bietet das Inszenierungsteam vor jeder Vorstellung Einführungen an und nach der  Vorstellung am 22. Oktober 2017 können die Zuschauer um 19.15 Uhr im Operncafe unter dem Motto „Agitation und Revolte“ über die Oper diskutieren.

 

Gisela Tanner