Ein russischer Abend der besonderen Art im Puppentheater Halle – Russki Wetscher

v.l.n.r.: Nico Parisius, Nils Dreschke, Anna Menzel © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Anna Kolata

[Foto: Anna Kolata]Gleich drei junge Regisseure bekamen am Puppentheater die Chance, ihre Regiearbeiten zu zeigen. Sie alle gehören zum Ensemble des  Theaters auf der halleschen Kulturinsel, das inzwischen weltweit bekannt ist.
Christian Sengewald arbeitet seit 2014 ist als Schauspieler am Puppentheater Halle, zuvor war er schon am Thalia Theater Halle engagiert. Er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Abteilung Puppenspielkunst, in Halle u.a. zu erleben im „Bauchrednertreffen /The Ventriloquists Convention“ und im „Besuch der alten Dame“. Ivana Sajević, studierte Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin in der Abteilung Puppenspielkunst, ist den Hallensern u.a. aus dem „Sommer des Jahrhunderts“ und „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ bekannt und arbeitete schon für Fernsehen und Film. Katharina Kummer studierte nicht nur Geschichte, Linguistik und Literaturwissenschaft, sondern auch Puppenspielkunst. Sie gehört seit 2011 zum Puppentheater und hat schon mehrere Regiearbeiten am Puppentheater vorzuweisen, z.B. „Wir sind alle unsere Mütter“. Als Puppenspielerin war sie u.a. im „Konzert für eine taube Seele“ zu erleben.  Für Bühne und Kostüme sorgte Angela Baumgart bzw.  Sabrina Krämer für die Kostüme im 3. Teil.

Diese drei haben nun einen Abend gestaltet, der sich in die Thematik dieser Spielzeit einordnet. Wie gehören das Abendland und Russland zusammen? Was wissen wir noch von unserem einstigen „Bruderland“? Wie hat Putin dieses Land verändert? Gibt es die russische Seele? In drei sehr unterschiedlichen Stücken nähern sich die Regisseure diesem Thema an. Zuvor gibt es für die Zuschauer noch eine kleine Gebrauchsanweisung. Wieviele Pausen, wann darf man rausgehen usw., praktischerweise gleich von den drei jungen Regisseuren vorgetragen. Nun kennt man sie also, die meistens nur im Hintergrund arbeiten und höchstens mal zum Premierenschlussapplaus auftauchen.

Zu Beginn scheint die russische Seele im Keller, ja fast gestorben zu sein, im Stück „Die Zukunft ist nicht mehr an ihrem Platz“ in der Regie von Christian Sengewald. Ein Paar, ziemlich gelangweilt, sie in Kittelschürze und mächtig nervös, er mit zottligen Haaren und ungepflegt, denkt über die Zeiten nach. Mehrere Koffer spielen die Hauptrolle, aus denen immer wieder neue Geschichten entspringen, mit verschiedenen Mitteln erzählt. An ein Kulissentheater erinnert das Spiel um den Fischer Iwan aus Sibirien, dem jeder Wunsch erfüllt wird. Er reist mit seinem Ofen bis zum Zaren und fordert diesen mächtig heraus. Ernster geht es schon zu, wenn es um die Katastrophe in Tschernobyl geht. Wie die Menschen dort verheizt wurden, um das Leck mit den gefährlichen Ausströmungen zu füllen. Nun ja, es ist halt passiert, viele sind gestorben und wenn sie „Glück“ hatten, „nur“ erkrankt, sogar die Kinder. Aber das Leben geht weiter, bei mehr als einem Glas Wodka denkt man über das Geschehene nach. Irgendwann am Schluss dann doch ein Gefühlsausbruch und Zeichen der Unzufriedenheit – Lebensmittel fliegen durch den (Bühnen)raum und Wut macht sich breit. Zu erleben sind Nils Dreschke und Ines Heinrich-Frank als authentische Schauspieler und geübte Puppenspieler. Dass sie auch anders als „gewöhnlich“ können, zeigen sie später.

Während die Zuschauer noch über den ersten Teil sinieren, erfolgt der Umbau auf Offener Bühne und man befindet sich mitten im Konflikt um Pussy Riot in „Comradely Greetings“ (Kameradschaftliche Grüße) von Ivana Sajevic, diesmal auf der Bühne zu erleben Nils Dreschke, Nico Parisius,und Anna Menzel a.G.. Es geht um die drei Frauen der Band „Pussy Riot“, die für ihren spektakulären provokanten Auftritt in einer Kirche in Moskau weltweit bekannt wurden. Sich gleichzeitig mit der Regierung, d.h. Putin, und mit der Kirche anzulegen, das kann nicht gut gehen und so kommt es zur Inhaftierung und Verurteilung. Ein Briefwechsel zwischen der inhaftierten Nadeschda Tolokonnikowa und dem Philosophen und Kapitalismus-Kritiker Slavoj Žižek entsteht und ist Teil des Stückes. Ganz anders als im ersten Teil geht es hier turbulent und lebhaft zu. Wieder sind Puppen mit im Spiel und die Ensemblemitglieder zeigen einmal mehr ihr Können.

Nun gibt es also die „richtige“ Pause, man isst, trinkt und unterhält sich. Doch wer sitzt da auf dem Garderobentisch, eine maskierte Frau, hmmm … ? Man solle sich nicht wundern, einige Plätze seien mit Sachen belegt, es gibt Ersatzplätze, so Regisseurin Katharina Kummer, dann also wieder hinein ins Dock 1 des Theaters. Aha, der Platz ist nicht belegt, also nicht in der vorgeschobenen ersten Reihe sitzen. Warten im Raum, dann, eine Frau kommt herein, Ines Heinrich-Frank, diesmal in dunkler Kleidung. Drei Leinwände sind aufgebaut – Videografie Conny Klar – drei Mal die gleiche Frau, immer eine in Bewegung und die Schauspielerin kommuniziert so mit sich selbst und mit einer kleinen Marionette und ist dann wieder mitten im Zuschauerraum: „Bei uns ist alles un Ordnung!“ – oder doch nicht?

Ein Abend, wie er unterschiedlicher nicht sein kann, und doch „ein“ russischer Abend, drei Regisseure, drei Handschriften und drei Sichtweisen. Ein Abend, der wieder einmal die Einzigartigkeit des halleschen Puppentheaters zeigt.

Als Fazit für den Zuschauer: die Problematik ist sehr komplex, es gibt nicht „die“ russische Seele, alles ist in Bewegung und das Ende offen.

 

 

Gisela Tanner
Foto: v.l.n.r.: Nico Parisius, Nils Dreschke, Anna Menzel© Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle  Foto: Anna Kolata

 

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