Die Kleinbürgerhochzeit – Turbulenzen in der Kammer des nt

V.l. Till Schmidt, Bettina Schneider, Max Radestock, Danne Suckel, Annemarie Brüntjen, Robin Krakowski, Matthias Walter, Sonja Isemer, Hagen Ritschel

(Foto:Anna Kolata) Feste mit der Familie und mit Freunden können so ihre Tücken haben. Zunächst bewahrt man die Kontenance, doch dann fließt der Alkohol und irgendwann fallen die Masken. Nun, die Masken sind während der Premiere der „Kleinbürgerhochzeit“ im nt Halle nicht gefallen, aber die Stimmung auf der Bühne änderte sich zusehends.
Während zunächst eitle Freude herrschte, man die selbstgebastelten Möbel bestaunte, Speis und Trank zu sich nahm, kamen nach und nach die Konflikte innerhalb der Partner und untereinander und so manches Geheimnis zutage. Gewohnte Rituale liefen ab und irgendwann lief alles aus dem Ruder.

Als Brecht das Stück als junger Mann geschrieben hat, muss er schon einige Erfahrungen mit dem Verhalten der „niederen“ bürgerlichen Kreise gesammelt oder diese haarscharf beobachtet haben. Die Kreise, in denen das Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, den äußeren Schein zu wahren, spießige Ansichten zu pflegen und die (wenigen) Statussymbole vorzuzeigen. Mit seinem Stück hält Brecht den Finger in die Wunde. Er hat es „Kleinbürgerhochzeit“ genannt, doch sind solche als kleinbürgerlich gebrandmarkten Verhaltensweisen nicht auch woanders zu finden?

Doch zurück zur Premiere in Halle: Inszeniert hat Philippe Besson, und das zum ersten Mal am nt. Unterstützt hat ihn Henrike Engel verantwortlich für Bühne, Kostüme und zusammen mit Karla Achtilek für die Masken. Die sind besonders hervorzuheben, denn so mussten die Schauspieler die Charaktäre mit ausgeprägter Gestik darstellen.

Wer hätte schon Bettina Schneider im hochgeschlossenen traditionell gemusterten Kleid als Mutter des Bräutigams oder Hagen Ritschel als Freund des Bräutigams erkannt? Danne Suckel (die Frau) war besonders freizügig, was ihrem Ehemann, Matthias Walter, nicht so erfreute. Die Schwester der Braut, Annemarie Brüntjen, hat wohl ein Auge auf den jungen Mann, Robin Krakowski, geworfen und der Vater der Braut nervte die Anwesenden mit den ständig wiederkehrenden Geschichten. Zum Glück war da noch der Bräutigam selbst, der  versuchte die Stimmung hochzuhalten. Heute würde man ihn als Mediator bezeichnen. Auch  seine selbstgebauten Möbel pries er an. Irgendwann kam dann auch heraus, warum das Kleid der Braut – Sonja Isemer – an manchen Stellen besonders gewölbt war.

Ja, und die Möbel, selbstgebastelt eben, waren doch nicht so stabil wie gedacht. Nach und nach fiel alles zusammen, genau wie die äußere Fassade der Beteiligten. Dazu ein extra Lob an die Schauspieler, die nicht nur professionell agierten, sondern sich geschickt und unfallfrei zwischen den herumliegenden Holzteilen bewegten.
Die musikalische Leitung und Einstudierung – Brecht hat ja auch wieder eine Ballade in sein Stück eingebaut – hat übrigens Alexander Pensel übernommen.

Wie beim neuen theater gewohnt, war das wieder eine reife Ensembleleistung, die den Zuschauer zum Lachen und zum Nachdenken gebracht hat und mit begeistertem Schlussablaus endete.

Gisela Tanner

Foto: Anna Kolata