Der Zoo Halle über falsch verstandene Tierliebe

Zauberhafte Ausblicke vom Bergzoo aus ©tannertext

Der hallesche Zoo bat uns diese Nachricht zu veröffentlichen:

Fast täglich erhält der Bergzoo Anfragen von besorgten Bürgern, die kranke, verletzte oder verwaiste Wildtiere abgeben möchten – in dieser Jahreszeit vor allem sehr viele Jungvögel. Was auf den ersten Blick als einzige Möglichkeit der Hilfe gesehen wird, beruht häufig auf Unkenntnis, falschen Annahmen oder falschen Vorstellungen. Zum einen ist der Zoo nur begrenzt in der Lage zu helfen, denn sowohl Tierärzte als auch Tierpfleger sind mit der Pflege der ca. 1.700 Zootiere bereits voll ausgelastet. Zum anderen fallen Wildtiere entweder in die Zuständigkeit der Stadtjäger bzw. Jagdpächter des jeweiligen Gebiets oder in die der zuständigen Naturschutzbehörde. Zudem läuft der Zoo Gefahr, dass Krankheiten eingeschleppt und auf die Zootiere übertragen werden, wenn er Wildtiere aufnimmt. Schließlich gelingt es trotz intensiver Bemühungen und liebevoller Fürsorge oft nicht, diesen Tieren zu helfen und sie wieder in die Freiheit zu entlassen.

Dabei ist das in vielen Fällen vermeidbar – insbesondere bei Jungvögeln. Hier führt falsch verstandene Tierliebe eher zu Schäden, als dass dem Tier wirklich geholfen werden kann. Vor allem von April bis Juli verlassen viele Jungvögel das Nest, häufig noch etwas unbeholfen und nicht voll flugfähig. Sie sitzen dann in der Nähe des Nests auf dem Boden, auf Ästen oder im Gebüsch und werden von den Vogeleltern weiter gefüttert. Da sich diese oft nicht zeigen, wenn Menschen in der Nähe sind, wirken diese Jungvögel hilflos und werden dann häufig mitgenommen und in den Zoo gebracht – fast immer, obwohl die Eltern in der Nähe sind . Doch niemand kann ein Küken so gut großziehen wie die Vogeleltern. Im Zoo sterben die Jungvögel teilweise trotz intensivster Bemühungen. „Im Grunde nimmt man den Vogeleltern die Kinder weg.“, so die zoologische Leiterin, Jutta Heuer. Aber auch verletzten Wildtieren kann meist nicht geholfen werden, da ein Flügelbruch oder andere größere Verletzungen nur schwer erfolgreich behandelt werden können. Der Zoo hat hierfür weder die räumlichen und technischen Voraussetzungen, noch die personellen Kapazitäten. Zudem verheilen viele Verletzungen auch nicht so, dass die Tiere wieder vollständig in der Natur überlebensfähig sind. Ein eingeschränktes Flugvermögen nach Ausheilung eines Bruches führt bei einem Greifvogel beispielsweise dazu, dass er in der Natur nicht mehr erfolgreich jagen kann und somit schließlich verhungert.

Am besten sollte man also Jungvögel an Ort und Stelle belassen und nur dann eingreifen, wenn sie z.B. an einer stark befahrenen Straße hocken. Dann kann man die Vogelkinder in der Nähe auf einen Ast oder ein Gebüsch setzen, damit die Vogeleltern sie wiederfinden können. Im Gegensatz zu Säugetieren stören sich Vögel nämlich nicht am menschlichen Geruch und kümmern sich weiter um ihren Nachwuchs, auch wenn Menschen die Kleinen kurzzeitig angefasst haben. „Wir haben vollstes Verständnis, dass Menschen scheinbar hilflos wirkenden Tieren helfen möchten und begrüßen grundsätzlich das Engagement um die Tierliebe.“, so Zoodirektor Dr. Dennis Müller. „Leider greifen wir aus Unkenntnis dann oft völlig verfrüht ein. Wir übertragen unsere menschlichen Emotionen auf die Tiere. Die Natur hat jedoch ihren eigenen Lauf. Auch gut gemeinte Hilfe ist zumeist kein sinnvoller Eingriff in diese natürlichen Prozesse und oft genug sind solche Bemühungen auch nicht erfolgreich.“, so der Zoodirektor abschließend.

Quelle: Zoo Halle