Der Spiegel im Spiegel – ein surrealistisches Spiel im neuen theater Halle

vorn: Alexander Pensel, Alexander Gamnitzer (Angeklagter), hinten: Till Schmidt (Staatsanwalt), Hilmar Eichhorn (Richter), Danne Suckel (Verteidiger) Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Copyright by Falk Wenzel
 vorn: Alexander Pensel, Alexander Gamnitzer (Angeklagter), hinten: Till Schmidt (Staatsanwalt), Hilmar Eichhorn (Richter), Danne Suckel (Verteidiger) Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Copyright by Falk Wenzel
vorn: Alexander Pensel, Alexander Gamnitzer (Angeklagter), hinten: Till Schmidt (Staatsanwalt), Hilmar Eichhorn (Richter), Danne Suckel (Verteidiger)
Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Copyright by Falk Wenzel

Regelmäßigen Theaterbesuchern in Halle ist Jo Fabian kein Unbekannter mehr, schließlich hat er „Die Weber“ und „Galileo Galilei“ äußerst erfolgreich am neuen theater inszeniert. Nun hat er sich einer Geschichtensammlung  angenommen, die Michael Ende verfasst hat. Ende, der durch “ Momo“ und  „Die unendliche Geschichte“, aber auch durch „Jim Knopf“  Weltruhm erlangte, widmete  diese surrealistische Geschichtensammlung „Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth“ seinem Vater, dem surrealistischen Maler Edgar Ende. Die dreißig Geschichten sind miteinander verknüpft.

Spannend war nun, wie Jo Fabian diese Sammlung umsetzt.  Wie von ihm gewohnt, entwickelte er für seine Inszenierung eine eigene  Choreografie, liefert ein Werk ab, das durch Bühnenbild, Sprache, Musik und Bewegung eine Einheit bildet, verlangt aber gleichzeitig dem Zuschauer einiges ab und ließ viele Fragen offen. Ende selbst spricht bei seinen Geschichten von einem neuen Kunstansatz (Zitat im Programmheft), die Geschichten sollen erst durch den Betrachter bzw. Leser „fertig werden“.  Der Leser (Zuschauer) solle so vom Konsumenten zum Mitwirkenden werden. Fabian hat für seine Inszenierung Ensemblemitglieder, aber auch Gastschauspieler und Mitglieder des Studios eingesetzt. Für Choreographie und das Bühnenbild zeichnet Jo Fabian selbst verantwortlich und die Kostüme hat Pascale Arndtz  gestaltet.

Das Stück endet, wie es angefangen hat, in einem dämmrigen Bühnenbild, in dem alle Schauspieler schlafen.  Anfangs begleiten zarte Violinenklänge die Besucher, doch plötzlich wummern harte rockige Bässe durch den Saal.  Die Schauspieler erwachen und es kommt zu einer kaum durchschaubaren Gerichtsverhandlung. Im oberen Bereich der Bühne flimmern allerlei Bilder auf einer kleinen Leinwand   – u.a. der Schlittschuhläufer von Edgar Ende.  Worum geht es eigentlich, wer ist der Angeklagte, wer ist der Richter, gibt es Zeugen, ja gibt es überhaupt eine Tat?  Oder war alles nur ein Traum?

Vor einem anrührenden Bühnenbild (azurblauer Hintergrund) bewegen sich auf einem Bamubusgerüst und davor in einer wüstenartigen Landschaft die Schauspieler ganz nach dem Rang ihrer Rollen, der Richter (Hilmar Eichhorn)  thront im Mittelpunkt, Staatsanwalt (Till Schmidt) und Verteidiger (Danne Suckel), der ja vielleicht eine Frau ist,  stehen ihm zur Seite. Der Angeklagte ((Alexander Gamnitzer) liegt in Ketten, und die Sackköpfe sind gleichzeitig Schöffen und Zeugen. Der Gerichtsdiener (Matthias Horn a.G.) hat oftmals etwas zu verlesen, zieht zwei miteinander verbundene Steine mal in die eine oder andere Richtung und räuchert die Bühne ein.

Es kommt zu amüsanten Szenen, z.B. wenn Staatsanwalt und Verteidiger ihre Texte mit gymnastischen Körperhaltungen unterstreichen oder wenn die Sackköpfe im Gleichklang meckernd über die Bühne eilen.  Zwischendurch kommt Nele Heyse a.G. in verschiedenen Rollen auf die Bühne, sammelt Blut ein, serviert Suppe oder wird zur Engelmacherin. Fast unbeweglich flankieren ein schwarzer und ein weißer Engel die Szenerie. Plötzlich nimmt die Geschichte eine Wendung,  der sonst meist schläfrige und wohlwollene Richter wird selbst zum Angeklagten, verspeist rohes Fleisch und beschmiert sich mit Blut. Es ertönt „Die Mutter“ von Rammstein. Die Engel fangen an zu tanzen.

Der Zuschauer muss entscheiden, in welchen Zusammenhang er das Schauspiel auf der Bühne für sich bringt. So reagierten die Anwesenden im Saal auf  das Stück von Fabian sehr unterschiedlich, einige sind oft erheitert, andere nachdenklich oder todernst.  Am Schluss gibt es begeisterten Beifall, aber dann muss alles wieder ruhig sein im Theater, die Schauspieler müssen schlafen.

Gisela Tanner