Der Glöckner von Notre Dame – Teamwork der Halleschen Bühnen

(c) Gert Kiermeyer vorne (v.l.n.r.): Hannelore Schubert (Louis de Beaumont), Elke Richter (Madame Falourdel), Alexander Gamnitzer (Phoebus), Franziska Faust (Jacques Charmolue)
(c) Gert Kiermeyer vorne (v.l.n.r.): Hannelore Schubert (Louis de Beaumont), Elke Richter (Madame Falourdel), Alexander Gamnitzer (Phoebus), Franziska Faust (Jacques Charmolue)
(c) Gert Kiermeyer
vorne (v.l.n.r.): Hannelore Schubert (Louis de Beaumont), Elke Richter (Madame Falourdel), Alexander Gamnitzer (Phoebus), Franziska Faust (Jacques Charmolue)

Das gab es bis jetzt noch nie, auf der Bühne des Opernhauses agieren Schauspieler des neuen theaters, Sänger und der Chor der Oper mit der Staatskapelle Halle gemeinsam. Sogar der Zoo Halle wirkte im Schauspielensemble mit, Ziegenbock Lars war als Begleiter der attraktiven Esmeralda (Lena Zipp) auserkoren.

In einer Fassung von nt-Intendant Matthias Brenner und Reiner Müller wurde „Der Glöckner von Notre Dame“ nach Victor Hugo von Brenner auf die Opernbühne gebracht. Ein Stück mit Orchestermusik, Gesang und Schauspiel, also ein „opulentes Theaterspektakel“(O-Ton Bühnen Halle). Den musikalischen Rahmen bildeten Auszüge aus Werken bekannter Komponisten wie Claudio Monteverdi, Arvo Pärt oder Georg Friedrich Händel. Alexander Suckel, der auch die musikalische Leitung inne hatte, steuerte eine Neapolitanische Tarantella bei.

Doch schon vor dem Anblick des Quasimodo, dem entstellten Glöckner (perfekt geschminkt – Peter W. Bachmann), konnte den Theaterbesuchern das Gruseln kommen. Die Eingangsfront der Oper war mit roten Stoffbahnen durchkreuzt, vier Puppen in schwarzen Anzügen hingen darunter, die Bildung, die Kultur, die Wissenschaft und die Zukunft symbolisch erhängt. Diese Anspielung auf die derzeitige Situation der Kultur in Halle wegen der geplanten Kürzungspläne verstand wohl jeder.

Die Geschichte des Glöckners ist allgemein bekannt: Im Paris des Jahres 1482 genießen die Bürger die Narrenfreiheit zu Beginn der Fastenzeit. Esmeralda(Lena Zipp) zieht mit ihren Tänzen die Männerwelt in den Bann, selbst Erzdekan Claude Frollo (Peer-Uwe Teska) verfällt ihr. Die junge Esmeralda interessiert sich aber für Hauptmann Phœbus (Alexander Gamnitzer). Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf und die Eifersucht wird zur Triebfeder. Esmeralda wird zum Tode verurteilt, aber Quasimodo (Peter W. Bachmann) rettet sie und gibt ihr in der Kirche Asyl.

Reinhard Straube gibt dem Stück als „Geschichtenerzähler“ Pierre Gringoire gewohnt professionell seinen Rahmen, routiniert begleitet er die Handlung und ist auch in sie involviert. Mal vom ersten Rang, aber auch auf der Bühne und im Hintergrund sind die Mitglieder des Opernchores zu hören, meist mit gregorianisch anmutenden Gesängen. Peer-Uwe Teska darf als unglücklich Verliebter Claude Frollo, Erzdekan von Paris, auch mal auf den eigens dafür errichteten Turm am linken Bühnenrand steigen, trotz seiner Verliebtheit wirkt er ständig ernst und verbittert. Björn Christian Kuhn – er kann auch Oper und  Musical – gibt den  jugendlich aufgeweckten Studenten Jean Frollo und Peter W. Bachmann musste sich als Quasimodo nicht nur einer aufwändigen Schmink-Prozedur unterziehen, sondern auch ständig über die Bühne humpeln und sich in einem Käfig in die Höhen der Bühne ziehen lassen.

Sängerin Melanie Hirsch als Fleur-de-Lys und Verlobte des Phœbus bereicherte die Aufführung dank ihrer stimmlichen Qualitäten. Franziska Faust gab als Jacques Charmolue, Anwalt des Königs, mit ernster Miene Statements im Namen von  Ludwig der XI. (Stanislaw Brankatschk) ab. Zu erwähnen sind noch die Damen Barbara Zinn als Einsiedlerin und Elke Richter als Zimmervermieterin. Für besonders heitere Momente sorgte Hannelore Schubert als Louis de Beaumont, Bischof von Paris, die sich putzig über die Bühne trollte. Zuverlässig wie gewohnt begleitete die Staatskapelle das muntere Treiben.

Bei den aktuellen Insenierungen in der Oper scheint man die Drehbühne wieder zu entdecken, schon bei Almira (Händel) bildete sie den Mittelpunkt. So auch beim „Glöckner“. In der lebhaften Inszenierung eilten die Akteure je nach Temperament den spiralförmig ansteigenden Gewölbegang hinauf und hinab, versteckten sich in den Tiefen der Gewölbe oder traten aus ihnen hervor. Die Bettler hatten ihr eigenens Domozil, sie kamen aus der Unterbühne.

In der Theaterpause konnte man vom Opernbalkon aus die Menschen betrachten, die gerade anlässlich der Langen Nacht der Wissenschaften zu einem der Universitätsstandorte eilten. Universität und Oper –Veranstaltungen an einem Tag, eine symbolhafte Verbindung? Nachdem der Schlussapplaus verklungen war, trat Björn Christian Kuhn noch einmal auf das Publikum zu und erinnerte an die schwierige Situation nicht nur der halleschen Bühnen nach den Kürzungsplänen der Landesregierung. Noch sei es nicht zu spät, Stellung zu beziehen!

Was die Angehörigen der Bühnen Halle, die mit dem „Glöckner“ wieder einmal ihre Teamfähigkeit bewiesen haben, jetzt brauchen, ist wohl nicht nur finanzielle, sondern auch emotionale Zuwendung, und die sollte nicht nur von den Zuschauern, sondern auch von den Verantwortlichen der Stadt Halle und der Landesregierung kommen.

Nächste Vorstellungen: 10, 12 , 13 und 14. Juli

Gisela Tanner www.tannertext.de

Foto: Gert Kiermeyer –  vorne (v.l.n.r.): Hannelore Schubert (Louis de Beaumont), Elke Richter (Madame Falourdel), Alexander Gamnitzer (Phoebus), Franziska Faust (Jacques Charmolue)