Bornholmer Straße – vom Kampf zwischen Gehorsam, Verstand und Gefühl

v.l.n.r.: Hilmar Eichhorn (Peter Arndt, Major, Chef der Grenztruppen), Till Schmidt (U. Rotermund, Oberstleutnant, Parteisekretär), Karl-Fred Müller (Harald Schäfer, Oberstleutnant) Copyright: Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Anna Kolata
 v.l.n.r.: Hilmar Eichhorn (Peter Arndt, Major, Chef der Grenztruppen), Till Schmidt (U. Rotermund, Oberstleutnant, Parteisekretär), Karl-Fred Müller (Harald Schäfer, Oberstleutnant) Copyright: Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Anna Kolata

v.l.n.r.: Hilmar Eichhorn (Peter Arndt, Major, Chef der Grenztruppen), Till Schmidt (U. Rotermund, Oberstleutnant, Parteisekretär), Karl-Fred Müller (Harald Schäfer, Oberstleutnant)
Copyright: Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Anna Kolata

[Foto: Anna Kolata] Ja, so war es wirklich, bestätigen Zeitzeugen, in regelmäßigen Abständen wurden die Soldaten an der Grenze „geschult“ , in dem Stück „Bornholmer Straße“ von  Oberstleutnant und  Parteisekretär U. Rotermund (Till Schmidt), zackig, echt preußisch, aber mit sächsischem Akzent. Das Publikum brachte sein Monolog zu Beginn zum Schmunzeln, ob es den Soldaten damals auch so ging ist fraglich. Eines wurde aber gleich zu Beginn klargestellt, der Soldat hat nach Befehlslage zu handeln. Doch was passiert, wenn es keinen Befehl gibt? Diese Situation durchlebte  Oberstleutnant Harald Jäger, Chef des Grenzübergangs Bornholmer Straße in Berlin, am 9. November 1989.

Bei der Uraufführung „Bornholmer Straße“ im neuen theater nach dem gleichnamigen Film von Christian Schwochow in einer Fassung von Jörg Steinberg heißt der Oberstleutnant Harald Schäfer und wird von Karl-Fred Müller dargestellt. Es sieht aus, als ob es ein Tag wie jeder andere an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße wird. Man raucht, trinkt Kaffee, Kantinenchefin Ilona Krüger  (Elke Richter) sorgt für das Wohl der diensthabenden Soldaten. Natürlich ist man beunruhigt wegen der aktuellen Ereignisse, Erich Honecker war schon abgelöst, ebenso Erich Mielke. Oberst Hartmut Kummer (Peer-Uwe Teska) sitzt in seinem Quartier und beobachtet die Lage. Doch die entspannte Stimmung in der Kantine wird jäh unterbrochen, die Grenzbeamten glauben ihren Ohren nicht zu trauen.  Günter Schabowski antwortet bei einer Pressekonferenz auf die Frage, ab wann die angekündigten Erleichterungen für die Einreise in die BRD gelten soll mit den legendären Worten „Nach meiner Kenntnis ist das sofort … unverzüglich.“

Es dauert nicht lange und die ersten Bürger erscheinen um zu schauen, was denn nun an den Grenzübergängen passiert. Oberstleutnant Schäfer ist beunruhigt und ruft seinen Vorgesetzten Oberst Kummer an, doch der beschwichtigt, schließlich haben auch seine Vorgesetzten nichts zur Situation zu sagen. Inzwischen wird die Menschenmenge am Grenzübergang immer größer. In der Wache des Grenzübergangs spielen sich dramatische aber auch skurrile Szenen ab,  Oberstleutnant Rotermund kümmert sich vor allem um einen Hund (der erste Grenzverletzer an diesem Tag), Kantinenchefin Krüger versucht ihren Sohn Michael Krüger (Paul Simon), Chef der Zolleinheit,  zu beschwichtigen. Major Peter Arndt (Hilmar Eichhorn), Chef der Grenztruppen,  weiß auch nicht wirklich weiter und Sicherheitsoffizier B. Schönhammer (Hagen Ritschel) hat sogar schon die Waffen herausgeholt und will die Grenze bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Eine schwierige Situation für Harald Schäfer, er weiß, was von seinem Tun abhängt und wird von seinen Vorgesetzten im Stich gelassen.

Karl-Fred Müller  ist in einer ergreifenden Darstellung der Zerrissenheit zwischen Gehorsam, Gefühl und Verstand als Grenzübergangschefs zu erleben.  Das Publikum ist mitten im Geschehen, die Bürger an der Grenze  agieren an beiden Seiten der Sitzplätze, der Ruf „Macht das Tor auf“ wird fast unerträglich, bis er plötzlich verstummt. Ja, und schließlich wird nicht nur der Grenzübergang an der Bornholmer Straße geöffnet.

Eines sei am Schluss noch gesagt,  das Grenzsystem in der DDR war wirklich nicht lustig, zuviel Leid hat es über die Menschen gebracht, aber manchmal hilft es die Geschichte mit einem Augenzwinkern aufzuarbeiten.

Gisela Tanner