„Anne“ – äußerst bemerkenswerte Inszenierung von Thalia- und neuem Theater

v.l.n.r.: Annemarie Brüntjen (Anne Frank), Barbro Viefhaus (Jaqueline), Sophia Platz (Hanneli), Paul Maximilian Pira (Hello), Mira Helene Benser (Margot Frank), Petra Ehlert (Edith Frank, Mutter), Enrico Petters (Otto Frank, Vater) ©Foto: Anna Kolata
v.l.n.r.: Annemarie Brüntjen (Anne Frank), Barbro Viefhaus (Jaqueline), Sophia Platz (Hanneli), Paul Maximilian Pira (Hello), Mira Helene Benser (Margot Frank), Petra Ehlert (Edith Frank, Mutter), Enrico Petters (Otto Frank, Vater) ©Foto: Anna Kolata

 

[©Foto: Anna Kolata] Während alle Welt – besonders die Stadt Halle – auf den  Intendantenwechsel an der Oper schaut, feierte im  neuen theater ein Stück Premiere, das es in sich hat!

Für viele Menschen ist Anne Frank eine Symbolfigur, das jüdische Mädchen, das sich während des 2. Weltkriegs zusammen mit seiner Familie in einem Hinterhof in Amsterdam versteckte, am Ende trotzdem entdeckt wurde und wie so viele Leidensgenossen ein tragisches Ende in einem Konzentrationslager fand.  Bekannt wurde das Mädchen durch seine Tagebuchaufzeichnungen, die der Vater als einziger Überlebender in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hinüber gerettet hat.

Im neuen theater Halle wird Anne Frank nun zum Leben erweckt. In einem Stück von Jessica Durlacher & Leon de Winter unter der Regie von Katharina Brankatschk agieren Schauspieler des Thalia- und des neuen theaters zusammen im großen Saal des nt. Es ist die erste neue Produktion der Spielzeit 2016/17 im halleschen Sprechtheater.

Zunächst wird der Zuschauer mit einer Fiktion überrascht, Anne überlebt und erfüllt sich ihren Traum Schriftstellerin zu werden. Schnell aber wird klar, das ist nur eine Illusion, in Wirklichkeit muss sie sich  in der Enge ihres Verstecks in einem Hinterhof zusammen mit ihrer Familie und anderen Menschen  das Leben irgendwie erträglich gestalten. Einziger Lichtblick sind die Erinnerungen an bessere Tage, im Bühnenbild hell ausgeleuchtet, aber in den Hintergrund gedrängt. Alles andere spielt sich auf einer beweglichen karg möblierten mehretagigen Plattform ab (Bühne und Kostüme Markus Neeser).

Anne ist mitten in der Pubertät voll mit Wünschen und Sehnsüchten, die sie sich nicht erfüllen kann. Sie macht aus ihrer Unzufriedenheit keinen Hehl, hadert mit der Mutter und ist im Gegensatz zu ihrer Schwester oft ungeduldig und streitbar. Gerade wenn ein wenig Alltäglichkeit ins Leben einzieht, heißt es wieder, sich nicht bewegen und ruhig sein, damit das Versteck nicht entdeckt wird. Das ist eine unerträgliche Situation auf so engem Raum, auch weil sich außer den Franks auch noch Familie van Pels und ein Zahnarzt in dem Versteck einquartieren.

Ohne Effekthascherei und Pathos spielen die Schauspieler so eindringlich, dass es im Zuschauerraum ganz still wird. Es gibt Momente zum Schmunzeln und zum Verzweifeln. Eine herausragende Leistung liefert Annemarie Brüntjen, neues Ensemblemitglied, als Anne Frank.  Wie vom neuen theater gewohnt, sind auch die übrigen Rollen auf den Punkt besetzt, u.a. mit Mira Helene Benser,   Petra Ehlert,  Enrico Petters, Max Radestock,  Danne Suckel,   Karl-Fred Müller,  Till Schmidt,  Barbara Zinn,  Frank Schilcher und  Paul Simon.

Das Stück von Jessica Durlacher & Leon de Winter lohnt einen Besuch im nt.

Gisela Tanner