Aktuell wie in den 1970ern – Matthias Brenner inszeniert Fassbinder-Film „Angst essen Seele auf“ im nt Halle

Benito Bause (Ali), Elke Richter (Emmi Kurowski) © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Anna Koloata

[Foto: Anna Koloata] Schauspieler des neuen theaters Halle mussten schon immer vielseitig sein, man denke nur an die Aufbauarbeiten der neuen Spielstätte unter Peter Sodann. Bei der aktuellen Premiere „Angst essen Seele auf“ waren zunächst die Fähigkeiten einiger der Akteure als Wirt und „Bedienung“ gefragt, die Zuschauer konnten zu Beginn direkt am Tresen im Saal (Teil des Bühnenbildes) Getränke bestellen und kamen so in Biergartenstimmung. Ist doch gemütlich, oder?

Doch es dauerte nicht lange, und diese  Glückseligkeit wird zerstört. Nt-Intendant Matthias Brenner zeigte mit seiner Inszenierung, dass der bekannte Film von Rainer Werner Fassbinder  aus den 1970er Jahren noch nichts an Aktualität verloren hat. Nur der spielte in einem bayrischen Biergarten und es ging um Gastarbeiter. Hier in Halle ist das Ehepaar Angermeyer ( Hilmar Eichhorn  und Bettina Schneider) für den Gaststättenbetrieb zuständig. Frau Angermüller – in knackigen Leder-Jeans – führt auch die arabische Gaststätte, in der sich oft Flüchtlinge aufhalten. Da kommt es schon mal vor, dass die Wirtin mit dem jungen Salem, der sich wegen seines langen Namens Ali nennt, schläft. Aber das macht ja nichts, solange es still und heimlich geschieht.

Doch nun passiert das Unerhörte, die in die Jahre gekommene Witwe Emmi  Kurowski  (Elke Richter) und Ali (Benito Bause) verliebten sich ineinander und zeigen das auch noch in aller Öffentlichkeit, wie können sie nur!  Da geht die Lawine los: Die Nachbarn tuscheln, der Händler (auch Hilmar Eichhorn) will dem glücklichen Paar nichts mehr verkaufen, die Arbeitskolleginnen grenzen  Elli aus und sogar ihre Kinder sagen sich von ihr los. Hass und Missgunst machen sich breit. Doch das junge Paar lässt sich zunächst nicht beeindrucken, man heiratet, genießt das Leben, tafelt in einer feinen Gaststätte und gönnt sich von dem schwer ersparten Geld einen Urlaub. Doch irgendwann ist der junge Ali verunsichert und es treibt ihn wieder in die Arme von Frau Angermüller. Aber hier zeigt sich Ehefrau Emmi großzügig, sie ist sich des Altersunterschieds bewusst und freut sich, nicht mehr allein zu sein.

Eine zauberhafte Liebesgeschichte im Umfeld widriger Hintergründe hat uns Matthias Brenner da präsentiert, stimmungsvoll unterstützt von Mitgliedern des multikulturellen Musik-Projekts „Arabische Oase“ und des Tanz-Projektes „Was uns bewegt“. Elke Richter und Benito Bause spielen ihre Rollen glaubhaft und mit Hingabe. Beide haben in dieser Spielzeit schon in weiteren Hauptrollen brilliert.

Emmis  aufgeregte Familie – Sybille Kreß,  Nils Thorben Bartling und  Paul Maximilian Pira, die neugierige Nachbarin – Barbara Zinn, sie alle sorgen genauso  wie die unterhaltsamen Putzfrauenkolleg(innen) – Peter W. Bachmann,  Joachim Unger, und Jörg Simonides in gleich mehreren Rollen – für den Spannungsbogen der Inszenierung. Dank des durchgängigen Laufstegs, unterbrochen durch den begehbaren Tresen (Ausstattung Nicolaus-Johannes Heyse) ist der Zuschauer mittendrin im Stück. Eine lebendige Aufführung, die die Zuschauer zu kräftigem, lang anhaltendem Beifall inspirierte, und auch ein Stück gelebte Integration!

 

Gisela Tanner

Foto: Anna Koloata – Benito Bause (Ali), Elke Richter (Emmi Kurowski) – © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: