Aida – wieviel Modernisierung verträgt eine Oper

v.l.n.r.: Magnus Vigilius (Radamès), Yannick-Muriel Noah (Aida), Svitlana Slyvia (Amneris) © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

[Foto: Falk Wenzel] Die Oper Halle hatte wieder einmal zur Opernpremiere eingeladen und das Interesse war groß. Auf dem Spielplan stand Aida, die Verdi-Oper mit den musikalischen Sahnestückchen, die nicht nur eingefleischte Opernfans kennen. Nun wissen ja regelmäßige Besucher des halleschen Musiktheaters, dass seit der Führung durch Florian Lutz und seinem Team  ein anderer Wind durch die Hallen des Opernhauses weht. Also lag kurz vor der Premiere eine fühlbare Spannung in der Luft: Mit welchen Akzenten würde Regisseur  Michael v. zur Mühlen der Inszenierung seine eigene Handschrift geben, wie würden eventuelle Abweichungen von der Originalvorlage beim Publikum ankommen?

Dass diesmal der Videokünstler  Hans Eijkelboom engagiert wurde, war bereits den Vorankündigungen zu entnehmen und so begann die Vorstellung dann auch nicht mit der Ouvertüre, sondern mit Videosequenzen, die einen Flüchtlingsbus zeigten, der nicht gerade begeistert empfangen wurde, dazu eine Flüsterstimme aus dem Off. Schon das ein Hinweis darauf, dass der Regisseur dieser Oper über eine Dreiecks-Liebesgeschichte und den Kampf zwischen Ägypten und Äthiopien besonderen Wert auf die aktuellen Bezüge legt. Die Oper war schon zur Uraufführung 1891 hochpolitisch, denn die Aufteilung Afrikas unter den Ländern Europas stand bevor, wie auch aus dem Programmflyer zu erfahren war.

Die musikalische Leitung lag an diesem Premierenabend GMD Josep Caballé-Domenech inne, der die Staatskapelle  souverän durch den Abend führte. Die Bläser, die bei „Aida“ besonders gefordert sind, absolvierten ihre Partien vorbildlich und die Staatskapelle spielte wie gewohnt in hoher Qualität. Dazu kamen Gäste und Solisten der halleschen Oper,  Sebastian Kroggel als König,  Svitlana Slyvia  als Amneris,  Yannick-Muriel Noah als Aida, Magnus Vigilius als Radamès  und Oleksandr Pushniak als Amonasro. Besonders Yannick-Muriel Noah als Aida und Magnus Vigilius als Radamès wurden immer wieder von Zwischenapplaus begleitet. Svitlana Slyvia  meisterte ihre Partie trotz gesundheitlicher Probleme. Auch bei dieser Inszenierung stellte sich wieder heraus, dass Chor und Extrachor der Oper  unter der Leitung von Rustam Samedov und Peter Schedding eine unverzichtbare Stütze des Opernensembles sind. Gekleidet nach dem Vorbild ägyptischer Tempelmalerei begleiteten die Sängerinnen und Sänger die Aufführung in gewohnter Professionalität.

Die Solisten hatte Christoph Ernst, verantwortlich für Bühne und Kostüme, in Gewänder, die zur Zeit der Uraufführung angesagt waren, gekleidet. Schuhe mit Plateausohlen und ausladende Kleider verlangten von den Akteuren einiges Geschick beim Bewegen. Das Bühnenbild wechselte von klassisch zu reinweiß, geschuldet den Videoeinspielungen, und die gab es reichlich, da kam Carolin Emcke mit ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels genauso zu Wort wie  Emmanuel Macron mit seiner Rede an der Université IV Paris Sorbonne oder Heiner Müller im Dialog mit Alexander Kluge.

Besonders eindringlich wirkten die Videoeinspielungen zum Triumphmarsch, der ja auch gern mal zu Hochzeiten und anderen hochtragenden Ereignissen gespielt wird. In Wirklichkeit besingt er aber den Sieg über den Feind und dazu waren im Hintergrund Truppenaufmärsche bei Militärparaden in aller Welt zu sehen, die schon etwas Beängstigendes hatten. Nun sind ja Inszenierungen klassischer Opern, die auch Bezüge zur Gegenwart haben, nicht jedermanns Sache, und so gab es zum Schlussablaus, der für die musikalischen Akteure langanhaltend und begeistert ausfiel, auch einige Buh-Rufe für das Regieteam. 

Gewiß, ob einige Videosequenzen vielleicht etwas ausladend waren und der ägyptische Wutbürger etwas zu lange agierte, lässt sich fragen, aber das Team um Florian Lutz und Michael v. zur Mühlen hat es geschafft, wieder einige Denkanstöße zur Oper Aida und der Rolle der Oper in der heutigen Zeit an sich zu geben.

 

Gisela Tanner

 

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